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Verspaeteter Maerztext: Winterabenteuer

Mai 18, 2018

Wer im fruehlingshaften Sueden Lust auf eine Erfrischung hat, kann sich ja auf meinen Ausflug mitnehmen lassen.

Meine geplante „mehrtaegige Huettenwanderung noch vor oder nicht lange nach Ende der Polarnacht“ wurde dann doch nur zweitaegig mit nur einer Huettenuebernachtung. Die Polarnacht war dann auch schon lange vorbei – was sich als grosser Vorteil entpuppen sollte, denn zur Ueberraschung von niemandem hier lief nichts wie geplant…

Eigentlich hatten wir uns darauf eingestellt, zu Fuss die von der Kommune praeparierten Loipen benutzen zu koennen. Dann fuehrten allerdings starker Schneefall und unguenstige Windverhaeltnisse zu grosser Lawinengefahr. Den Tag mit dem schlechtesten Wetter warteten wir also zu Hause ab und studierten Karten im Internet. Die verfuegbaren Huetten, die Loipen und wann sie zuletzt praepariert wurden, die Steilheit des Gelaendes, wann und wo in den letzten Jahrzehnten Lawinen vorgekommen waren. Wir fanden heraus, dass alle in Frage kommenden Loipen durch mindestens eine gefaehrdete Stelle fuehrten – bis auf eine, die zu einer Huette fuehrte, die nur ein paar Meter von einem Lawinengebiet entfernt lag. Da weder mein Begleiter noch ich den Nervenkitzel brauchten, ob dort wieder eine Lawine abgehen wuerde und ob sie dieses Mal vielleicht ein paar Meter laenger kommen und uns im Schlaf ueberraschen koennte, war das also auch keine gute Alternative. Da kam mir die grossartige Idee, dass wir die Sommerroute zu einer der Huetten nehmen koennten. Die fuehrte durch sicheres Gelaende und auf direkterem Weg zur Huette als die Winterloipe, ich war sie schon mal gegangen, und bestimmt hatten da auch schon andere Spuren hinterlassen, die es uns einfacher machen wuerden. Skier wuerden wir aber auf jeden Fall mitnehmen muessen – und das letzte Mal auf Skiern war fuer uns beide ein Jahr her.

Der erste Skiausflug der Saison also gleich ein zweitaegiger, ob das eine gute Idee war? Ok, bloedsinnige Frage. Wir wissen alle, dass das keine gute Idee war. Es kam aber noch schlimmer.

Es fing harmlos an, bei strahlendem Sonnenschein auf der praeparierten Loipe, der wir anfangs noch folgen konnten. Wir waren ein bisschen spaet dran, aber Ende Maerz war es ja schon bis zum Abend hell, und so lange wuerden wir schliesslich nicht unterwegs sein. Dachten wir.
Nach einer Weile kam unsere Abzweigung, bergauf in den Wald (bzw. was man hier oben halt so „Wald“ nennt: ein Gebiet mit mehreren Pflanzen ueber Buschgroesse oder so) hinein. Weniger Spuren als erwartet. Eigentlich nur von einem Schneemobil, das sicher Brennholz zur Huette gebracht hatte. Es wurde zu steil und unwegsam fuer unsere Skier – oder zumindest fuer *uns* auf Skiern. Also hielten wir an, klickten die Skischuhe raus und stapften zu Fuss weiter, Skier und Skistoecke tragend. Das war ebenfalls muehselig, aber ja nur voruebergehend. Ich kannte ja den Weg, und in meiner Erinnerung war es nur ein kurzes Stueck, das so steil durch den Wald fuehrte.

Das kurze Stueck war ziemlich lang. Manchmal konnten wir die Skier wieder dranschnallen und etwas schneller vorwaertskommen, nur um sie wenig spaeter wieder abnehmen zu muessen. Die Skischuhe waren eigentlich nicht sonderlich gut zum Gehen geeignet und ziemlich rutschig. Die Beine taten jetzt schon weh. Der Gedanke an ein Umkehren kam auf, aber ich wollte doch unbedingt meinen Huettenausflug haben. Und die schlimmste Strecke war ja nun wirklich bald vorueber, sicher hinter der naechsten Biegung, sagte ich jedes Mal etwas weniger ueberzeugt als beim letzten. Immerhin hatten wir die Schneemobilspuren, die uns einigermassen stabilen Untergrund boten.
Gegen drei Uhr nachmittags legten wir eine kleine Pause ein. Die Sonne stand immer noch ein gutes Stueck ueber dem Horizont und teilte sich den Himmel nur mit ein paar Woelkchen.
Wir liefen weiter, Skier an, Skier ab, endlich aus dem Wald heraus, aber einem neuen entgegen. Skier an, Skier ab, Geduld auch langsam eher ab. Aber die steile Strecke musste doch nun wirklich bald zuende sein. Fast unmerklich hatten die Wolken das „-chen“ abgeworfen und sahen ploetzlich nach Schnee aus. Etwa zur gleichen Zeit bogen die Schneemobilspuren in die falsche Richtung ab.

Eines meiner norwegischen Lieblingswoerter ist „etterpåklokskap“. Das heisst woertlich uebersetzt „Danachklugheit“ und bezeichnet also die Klugheit, die man im Nachhinein hat, weil man weiss, wie es ausgegangen ist. Etterpåklokskap in diesem Fall heisst: an dieser Stelle haetten wir spaetestens umkehren sollen. Oh, hatte ich schon erwaehnt, dass meine schoenen samischen Wollhandschuhe durch die Schinderei mit den Skistoecken immer groesser werdende Loecher an den Daumen bekommen hatten? Und dass ich aber ganz schoen stur sein kann? Zu meiner/unserer Verteidigung ist zu sagen, dass wir knapp ueber die Haelfte der Strecke zurueckgelegt hatten. Und es wuerde ja jetzt wirklich ganz bald besser werden! Soweit ich mich erinnern konnte, fuehrte ein langer Teil des Weges ueber eine baumlose Hochebene.

Wir stuerzten uns also in den Tiefschnee. Jetzt war an ein Abschnallen der Skier nicht mehr zu denken, obwohl es stellenweise immer noch arg steil war. Es schneite immer dichter, und allmaehlich wurde es schwierig, die naechsten roten Markierungen an den Baeumen zu finden, die den Weg wiesen. Aus dieser Etappe gibt es keine Bilder, weil ich zu sehr damit beschaeftigt war, mich auf den Beinen zu halten und vorwaertszukaempfen (siehe auch: erster Skiausflug seit einem Jahr). Einmal blieb ein Ski stecken, ich geriet aus dem Gleichgewicht, und eine Sekunde spaeter steckten saemtliche meiner Koerperteile in so unvorteilhafter Anordnung im Tiefschnee, dass ich mich kaum alleine raussortieren konnte.

Gegen 6 Uhr abends hatten wir endlich den Anfang meiner langersehnten baumlosen Hochebene erreicht (mehr etterpåklokskap: die hatte ich so stark in Erinnerung, weil ich dort mit Abstand die meisten Bilder geknipst hatte). Von rechts kamen die Schneemobilspuren offenbar nach einem leichter befahrbaren Umweg zurueck. Der Himmel wurde allmaehlich wieder klar, und die Aussicht bis auf eine weithin sichtbare Oelplattform malerisch. Allerdings stand jetzt auch dem rauhen arktischen Winterwind buchstaeblich nichts mehr im Wege. Schon gar nicht meine durchloecherten Handschuhe.
Wenigstens sanken wir jetzt nicht mehr so tief in den Schnee, es war nicht mehr so steil, und wir kamen wieder besser voran. Baeume fuer Wegmarkierungen gab es jetzt keine mehr, aber wir konnten ja wieder den Schneemobilspuren folgen. Mein Begleiter fragte, ob ich mir sicher sei, dass wir auf dem richtigen Weg seien. Klar, meinte ich. Wo sollten diese Spuren denn sonst hinfuehren? Hier oben war doch sonst nichts.

Die Sonne war inzwischen untergegangen, am Horizont leuchtete das Abendrot ueber den Bergen und dem Meer. Dann sahen wir in der Ferne auch noch eine Gruppe von ueber 20 Rentieren. Ich wusste gar nicht, dass es in dieser Gegend… Da daemmerte mir, wo diese Spuren denn sonst hinfuehren sollten. Zum Glueck hatte ich eine Karte dabei – wenn auch eine ziemlich rudimentaere, und einen Kompass. Und waehrend ich zu erschoepft war fuer mehr als mechanisches Vorwaertskommen und ueber den eisigen Wind, die Handschuhe, die Skistoecke und ueberhaupt das meiste zu fluchen, fand mein Begleiter heraus, dass wir ein gutes Stueck vom Kurs abgekommen waren. Weil wir den Spuren der Rentiersamen mitten ins Nirgendwo gefolgt waren. Und es wurde dunkel, bald wuerden wir nichts mehr sehen. Hier draussen konnte man umkommen. Wir wuerden wohl den Rettungsdienst anrufen muessen, dachte ich, und sah mit steifgefrorenen Haenden auf mein Telefon. Kein Empfang. Das war’s dann wohl.

Ich hatte kaum noch Kraefte oder auch nur Motivation uebrig, um meinem Begleiter zu folgen, der nun – vielleicht – die richtige Richtung eingeschlagen hatte. Wir waren nicht sicher, wo wir eigentlich genau waren. Die Sicht war noch relativ gut, aber von der Huette weit und breit keine Spur. Ich zupfte ihn am Aermel und rief mit nur halb gespielter Verzweiflung durch den Wind: „Ich will nicht sterben!“
– „Wir werden nicht sterben“, beschwichtigte er. „Wenn wir jetzt nicht bald die Huette sehen, graben wir uns eine Schneehoehle, wo wir uebernachten koennen.“ Besonders zuversichtlich wirkte er aber auch nicht.

Gegen 7 Uhr abends. Wir sahen immer weniger, oder auch mal mehr.
„Ist es das da drueben?“
– „Die Huette? Ich glaube, da waren ein paar Nebengebaeude, das koennte passen…“
„Dann haben wir es ja bald geschafft!“

– „Aehm, du? Das sind Steine.“

Nach noch einer gefuehlten Ewigkeit an geographischen Mutmassungen und Herumschlittern im Dreivierteldunkel erreichten wir gegen 8 tatsaechlich mit letzter Kraft unsere Huette und konnten so erleichtert aufatmen wie schon lange nicht mehr… Bevor wir den Holzofen anschmeissen, Schnee schmelzen, Essen kochen, tja, und am naechsten Tag dann mit Muskeltiger zurueckkommen mussten. Aber ich habe meinen Huettenausflug bekommen!

 

Noch mehr etterpåklokskap: Wir waren ja nicht voellig minderbemittelt; wir hatten Schlafsaecke, Isomatten und aluminiumsbeschichtete Notfalldecken im Gepaeck, mit denen wir schon irgendwie die Nacht rumgebracht haetten. Allzu viele Minusgrade kann es auch nicht gehabt haben. Meine Panik war also eher launenbedingt. Aeusserst unangenehm und schlaflos waere es natuerlich trotzdem geworden, dort draussen. In der Huette, am Ofen und mit Kerzen als einziger Beleuchtung, zu zweit alleine mitten in den verschneiten Bergen, mit Rentieren als naechsten Nachbarn in ein paar Kilometern Entfernung, morgendlichem Schneetreiben gefolgt von strahlendem Sonnenschein, war es so gemuetlich, dass wir das Ganze nicht einmal bereuen koennen.

 

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3 Kommentare leave one →
  1. Mai 20, 2018 11:45 am

    Na da sind wir mal wieder froh, dass Du dem sicheren Tod nochmal entkommen bist und uns hier auch weiterhin mit Deinen Beiträgen unterhalten wirst
    Und ganz ehrlich: einen „normalen“ Ausflug hätte auch keiner erwartet ;-)
    In diesem Sinne, auf einen abenteuerreichen Sommer.

    • Mai 20, 2018 5:34 pm

      Haha, danke! ;)
      Dir auch einen schoenen (und abenteuerreichen, sofern du das ueberhaupt wuenschst…) Sommer.

  2. Juni 18, 2018 10:17 pm

    Ah, ich muss wieder öfter hier lesen! Ich habe vor Kurzem an Dich gedacht, Dutzende Seiten lang, während ich „Eine Frau erlebt die Polarnacht“ las. Das schwingt irgendwie mit, in Deinen Zeilen. Es muss tiefer liegen.

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