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Auf vielfachen Wunsch…

Dezember 26, 2016

Ich hatte da noch einen Entwurf in der virtuellen Schublade liegen. Frohe Weihnachten ;)

„Meinst du wirklich, das ist eine gute Idee? Dir geht es nicht gut, du wirkst sehr labil, und da willst du IHN treffen?“ – Jetzt, wo meine Freundin es sagte, hoerte es sich tatsaechlich nicht gerade nach einem klugen Plan an. Er war nicht nur ein Ex, er war der Ex. The one that got away. Der, ueber den ich im wahrsten Sinne des Wortes einen halben Roman geschrieben habe, den aber kein Mensch glauben wuerde, denn solche Dinge passieren doch nicht wirklich. Die Geschichte vom Husky-Mann und mir war eine tragische Mischung aus surrealer Romanze und surrealen Widrigkeiten, die nach mehreren Anlaeufen mit viel Drama endete.

In den vergangenen fuenf Jahren hatten wir uns ab und zu zufaellig (oder auch mal nur so halb zufaellig) getroffen, waren ein paar mal lange zwischen Tuer und Angel in einer Unterhaltung haengengeblieben, ein paar mal zusammen an seinem Silvester- oder Mittsommerfeuer gesessen, und hatten uns jedes Jahr eine Weihnachts-SMS geschickt. Bei manchen Begegnungen war er wortkarg oder direkt abweisend. Bei manchen redete er wie ein Wasserfall, teilweise unzusammenhaengend und etwas paranoid wirkend. Manchmal dachte ich, ich sei „ueber ihn hinweg“. Manchmal umarmte er mich zum Abschied so lange und innig, dass mir doch wieder das Gegenteil bewusst wurde.

Beim letzten Zufallstreffen, letzten Sommer, hatte er jedenfalls von seinem geplanten Umzug erzaehlt und gesagt, dass ich ihn ja besuchen koenne. Ich hatte das fuer eine Mischung aus unverbindlicher Freundlichkeit und Linderung des Abschiedsschmerzes gehalten, oder sein altes Wunschdenken. So wie all die anderen Plaene und Traeume, die wir zusammen gehabt hatten, und die er dann kurzfristig absagte oder nie wieder erwaehnte. Aber ich war sowieso auf der Suche nach Ausflugszielen, und vielleicht koennten wir uns ja auf einen Tee treffen oder so.

Als er auf meine vorsichtige Anfrage mit einer ueberschwenglichen Einladung antwortete, er habe ein Gaestezimmer und dann koenne ich doch uebers Wochenende und dann noch den Feiertag und ueberhaupt, wusste ich, dass ich mir nicht zu viele Hoffnungen machen durfte. Er war also mal wieder in einer seiner uebermutigen Plaenemachphasen, die vor Crash und Absagen kamen. Ich freute mich trotzdem. Und ueberlegte mir, wo sonst ich uebernachten und wie ich am schnellsten wieder nach Hause kommen wuerde.

Dann kam ich mit dem Hurtigbåt an, und da standen tatsaechlich ein Mann und ein Husky am Kai. Meine Sorge, dass ich einen Plan B brauchen wuerde, erwies sich als unbegruendet. Wir waren offenbar jenseits von Drama, und er ein bisschen diesseits vom Manischen in „manisch-depressiv“, aber nicht uebermaessig. Gerade richtig, um mir grinsend seine neue Wohnung zu praesentieren (die – anders als seine alte Huette in meiner Nachbarschaft – mit allen gewoehnlichen Errungenschaften der modernen Zivilisation ausgestattet war), mich aufs Sofa zu verfrachten, durch die Kueche zu wirbeln, mir Essen aufzutischen, viel zu erzaehlen, mir mehr auf den Teller zu haeufen, weil ich so schrecklich duenn geworden war, zum Nachtisch gab es wie immer Eis, neu war dann der grosse Fernseher. Wir hingen auf dem Sofa herum, sahen und kommentierten stundenlang Dokumentarfilme ueber wilde Tiere und Renovierungsprojekte.

Manchmal verliebt man sich ja und findet spaeter heraus, dass diese Person dann doch nicht so toll war. Manchmal liebt man und versteht spaeter nicht mehr, was man jemals am anderen fand. Ich musste feststellen, dass der Husky-Mann, den ich damals sehr schnell liebengelernt hatte, nur ein Schatten seiner selbst gewesen war. Er war schon immer ein spannender Mensch gewesen, herzensgut, wunderbar selbstironisch, und da war einfach diese ganz spezielle Verbindung zwischen uns. Er war halt nur oft etwas wirr, und fuer besonders intelligent haette ich ihn auch nicht gehalten. Da hatte ich mich allerdings getaeuscht. Der Husky-Mann, mit dem ich mich jetzt unterhielt, war geistig hellwach, vernuenftig und scharfsinnig.

Er sei nur regelrecht um den Verstand gemobbt worden, erklaerte er mir nun. Eine Familie neben der alten Huette in meiner Nachbarschaft, Erzkonservative, die aus seinem Heimatort kamen und „wussten, wer er war“. Ein Sproessling der falschen Familie naemlich, der noch dazu in seiner Jugend in Drogen und Kleinkriminalitaet geraten war – genug fuer einen lebenslangen Stempel. Und dann war er auch noch ein „Sozialschmarotzer“ (arbeitsunfaehig wegen u.a. posttraumatischer Belastungsstoerung) und liess sich nicht von gesellschaftlichen Erwartungen beeindrucken und anpassen. Das musste offenbar bestraft werden, wozu man seine Laermempfindlichkeit und sein durch Krankheit und Medikamente erhoehtes Schlaf- und Ruhebeduerfnis ausnutzte, Beleidigungen, Psychoterror, nicht einmal vor dem Husky machten sie Halt. Die Polizei winkte nur mahnend mit dem Zeigefinger, Zeugen gab es keine, und danach wurde es noch schlimmer. Wenn er Besuch hatte, waren sie still, und danach liessen sie ihn spueren, dass jemand wie er keinen Besuch bekommen sollte. Das war natuerlich auch eine Erklaerung dafuer, dass er sich immer mehr von mir zurueckgezogen hatte.

Aber nun ging es ihm endlich besser. Ausser, dass er schon bald nach seinem Umzug feststellen musste, dass einer der neuen Nachbarn ein Verwandter seines alten Mobbers war und dessen Mission, ihm das Leben zur Hoelle zu machen, weiterfuehrte. Er hetze lokale Halbstarke und geistig eher Minderbemittelte gegen ihn auf, die ihn dann terrorisierten. An dieser Stelle wirkte die Geschichte auch auf mich fast etwas zu absurd, um ganz wahr zu sein. Bis ich sie in der zweiten oder dritten Nacht dann hoerte. Wie sie die Strasse entlangfuhren und auf Hoehe seines Hauses hupten und bruellten. Laute Musik. An einem Abend ein dumpfer Knall, jemand hatte etwas gegen den Balkon geschmissen. Der Husky-Mann machte sich Sorgen um den alten Mann, der im Erdgeschoss wohnte. Aber immerhin habe er hier Zeugen, da koennten sie nicht so eskalieren wie um seine abgelegene Huette herum.

Wir liessen uns so wenig wie moeglich beeindrucken und genossen es, nach all den Jahren endlich wieder richtig viel Zeit miteinander zu verbringen, aus unseren Leben zu erzaehlen, offen ueber alles zu reden. Ich war immer noch sehr erschoepft und ausgebrannt von den vergangenen zwei Jahren und den mehr akuten Krisen der vergangenen Monate. Er liess mich viel auf dem Sofa liegen, waehrend er fuer uns kochte und mit dem Husky spazierenging (nicht ohne mich vorher noch liebevoll in eine Wolldecke einzupacken und mir einen Kuss auf die Stirn zu geben). Ich erwischte ihn dabei, wie er extra viel Butter in die Pfanne gab, wie damals, als sein Sohn ihm (und mir) mit seinem Essverhalten Sorgen machte. Ich kuschelte mit dem Husky, und ab und zu kam auch der Mann mit einer dieser extralangen innigen Umarmungen auf mich zu. Wie schoen es sei, dass ich da sei. Wie froh er sei, dass ich Geduld mit ihm hatte, als er so lange nichts von sich hoeren liess. Wie gut, dass wir immer noch Freunde seien.

Tage ohne Zeitgefuehl vergingen. Seine Aufpaeppelei und all die Entspannung zeigten Erfolg, und ich wurde aktiver. Wir hoerten Musik, tanzten beim Abwasch in der Kueche. Er fing an, mich wieder an Spaziergaenge zu gewoehnen, meine ersten seit vielen erschoepften Monaten. Bergauf liess er mich vom Husky ziehen, an den steilsten Stellen nahm er meine Hand. Mehr Sofalungern mit Tierdokus und Renovierungsprojekten. Wir blieben beim Grand Prix haengen und kommentierten. Und weil uns schon lange nichts mehr voreinander peinlich war, blieben wir spaeter auch noch bei ABBA’s „Mamma Mia!“ haengen. Und sangen mit. Just how much I missed you.  Und sahen uns bei „Why, why, did I ever let you go“ ein bisschen zu tief in die Augen.

Nach fuenf Tagen verabschiedeten wir uns sehr herzlich, es ging uns beiden deutlich besser als vorher, und wir machten schon Plaene fuer ein Wiedersehen.

…Und hier haette ich diese Geschichte beendet, wenn heute Heiligabend waere. Da aber schon der zweite Feiertag ist und die geneigten Lesenden sich langsam wieder an die harte Realitaet gewoehnen sollten: Da wurde natuerlich nichts draus. Er schrieb noch eine Zeitlang von sich aus Textnachrichten, das Treffen muesse aber dann doch noch warten, er habe so viel zu tun, und immer wieder die „Feinde“ um sein Haus. Wahrscheinlich „straften“ sie ihn auch dieses Mal dafuer, dass ich bei ihm gewesen war. Moeglicherweise hatte ihn auch die Intensitaet unserer Freundschaft in Panik versetzt. Er hoerte auf, mich zu kontaktieren, und antwortete immer weniger und spaeter auf meine gelegentlichen Nachrichten.

Ich wollte schon fast Zuversicht zeigen und schreiben, dass wir uns aber irgendwann wieder in den Armen liegen werden und ich mich darauf freue. Aber es scheint, als sei der Zeitpunkt, an dem ich endlich auf eine Freundschaft vertraue, sehr nahe am Zeitpunkt, an dem ich sie dann doch verliere – also versuche ich lieber mal, mir etwas Bangen zu bewahren. Die traditionelle Weihnachts-SMS gab es jedenfalls auch dieses Jahr. Ich traute mich zu schreiben, dass ich ihn liebhabe. Man sollte meinen, es sei sowieso offensichtlich, aber solche Gefuehlsbekundungen schienen ihm immer Angst zu machen. Eine knappe Stunde spaeter kam eine Antwort, die ein beilaeufig aussehendes, aber nie dagewesenes „hab‘ dich lieb“ enthielt. Das ich seitdem sehr oft angelaechelt habe.

Wer doch noch eine heilere Welt braucht, moege diese alte Silvestergeschichte nachlesen.

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4 Kommentare leave one →
  1. Anonymous permalink
    Januar 1, 2017 8:38 pm

    Oha, an das Blog mit jetzt 50% weniger Selbstzensur muss ich ich mich erst noch ein bisschen dran gewöhnen. ;-) Da ich aber nicht nur wegen der schönen Norwegen-Berichte immer wieder gerne vorbei schaue, sondern auch weil Du einfach wunderbar schreibst, bin ich nach wie vor begeistert.
    Ich wünsche Dir privat alles Gute und ein frohes neues Jahr!

    • Januar 2, 2017 1:23 am

      Schoen zu wissen, dass ich nicht alle abgeschreckt habe ;) Danke, und Dir auch ein frohes neues!

  2. Juli permalink
    Januar 3, 2017 12:40 pm

    Wie schön, Neues von dir! Das Leben wie es ist, zwischendrin sogar ein bisschen Sparkle… Mir gefällt deine ehrliche, mitreissende, erfrischende Art (nach wie vor), so „nah dran“. Solltest du mal ein Buch schreiben, ich würd’s lesen. :) Alles Gute fürs neue Jahr!

    • Januar 3, 2017 8:56 pm

      Danke fuer all deine aufbauenden Kommentare und Wuensche, Juli. :) Dir auch alles Gute!

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