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Als das Gelaende zuende und an ein neues noch nicht zu denken war

Juli 29, 2016

Letzten Sommer, als ich bei Ebbe ueber die kleinen Inseln wanderte und aufs tuerkisblaue Meer hinausblickte. Als ich in unserem Lager am Wasserfall sass, im spaeten Sonnenuntergang. Und auf dieses Gluecksgefuehl wartete. Und es blieb aus. Da haette ich es wissen muessen. Ich haette es auch wissen muessen, als ich immer wieder krank wurde. Als ich immer weniger Guide-Auftraege bekam, weil ich meistens wegen der unbezahlten Arbeit oder Krankheit absagen musste. Als sich jede kleinste Extraaufgabe, die nicht sofort noetig war, wie ein riesiges  Projekt anfuehlte. Als die neuen Leute, die anfangs so enthusiastisch in der geplanten Kooperative mitmachen wollten, auch wieder verschwanden, und ich keine Kraft mehr fuer noch einen Versuch hatte. Und vielleicht wusste ich es auch, aber ich wusste nicht weiter. Ich sah keine Alternative. Was haette ich denn tun sollen? Aufgeben? Ich? Was sollten wir denn dann essen.

Dieses Jahr ging alles schief. Dann auch noch Personalwechsel beim Gemuesegrossisten, und Irrtum, Schlamperei oder boese Absicht – ich weiss es nicht. Das Ergebnis war das gleiche: viel zu hohe Forderungen aus heiterem Himmel und Lieferungsstopp. Damit war das Projekt am Ende, und die Nerven sowieso. Ich schrammte haarscharf an der Privatinsolvenz vorbei und schaffte es mit letzter Kraft, all das Organisatorische zu regeln und mich allen zu erklaeren.
Vorher schon meine Oekoprinzipien ueber den Haufen geschmissen und mit dem ebenfalls extrem urlaubsreifen Hippiejungen einen Flug gebucht, den ersten seit sechs Jahren. Island, meine zweitaelteste Heimat, endlich wieder. Jetzt also auch noch am Tag davor den Laden dichtmachen. Praktisch auf dem Zahnfleisch ins Flugzeug kriechen und auf die wohlverdiente und dringend noetige Erholung freuen. Und dann fiel dem Hippiejungen – noch im Flugzeug – auf, dass er mit der Beziehung eigentlich doch nicht zufrieden war und sich Einiges aendern musste. Falls wir ueberhaupt kompatibel genug waren. Aendern. Noch mehr aendern. Noch mehr Arbeit. Noch mehr Unsicherheit. Ich fuehlte mich, als muesste ich in ein kuenstliches Koma versetzt werden.
Der Urlaub dann ungefaehr so erholsam wie mit meinem grenzpsychopathischen Ex, multipliziert mit Familienurlaub mit den scheidungsbeduerftigen Eltern und mit dem von einer Jugendorganisation veranstalteten Zelturlaub, in dem ich von der halben Gruppe gemobbt wurde. Dabei muss ich fairerweise dazusagen, dass ich genauso unertraeglich war wie er. Nicht gerade eine vielversprechende Gemeinsamkeit, aber sonst schienen wir ja keine mehr zu haben.

Zurueck in Tromsø musste ich meinen Hausarzt nicht lange bitten, dem Sozialamt mitzuteilen, dass ich derzeit absolut arbeitsunfaehig war, und mich in dieses schnelle Therapieprogramm zu ueberweisen. Letzteres hatte ich vor fuenf Jahren schon einmal durchlaufen, und ich erhoffte mir nicht allzu viel davon – ausser meiner Ruhe vor dem Amt und einer dringend benoetigten Verschnaufpause. Ich verbrachte einige Wochen groesstenteils wie gelaehmt vor bleierner Muedigkeit auf dem Sofa, aber wachte morgens zur Ladenoeffnungszeit auf und konnte nicht mehr schlafen. Wartete auf Sozialhilfe, um endlich wieder ein bisschen Geld zu haben. Und auf die Therapie, die vielleicht doch besser als nichts sein wuerde. Der Hippiejunge war die einzige groessere Konstante gewesen, die mir aus den letzten Jahren noch verblieben war, und seit dem „Urlaub“ hatten wir ploetzlich Muehe, einen halbwegs zivilisierten Ton miteinander zu finden. Ich weiss nicht, wie oft ich mit ihm schlussmachte und dann doch nicht. Meine Laune schwankte zwischen Verzweiflung und Apathie.

In Situationen wie dieser merkt man, ob man wirklich Freunde hat. Und zu meiner grossen Ueberraschung hatte ich bessere Freunde, als ich mir jemals haette vorstellen koennen. Nach und nach kamen vereinzelt ein paar gute Tage. Jeder kleinste Mist brachte mich aber wieder an den Rande des Nervenzusammenbruchs.
Der Hippiejunge wuerde bald verreisen – dieses Mal ohne mich. Meine wundervollen Freunde auch. Ich konnte Einsamkeit gerade extrem schlecht vertragen und brauchte einen Plan. Musste langsam wieder aktiver werden. Mehr Leute treffen. Vielleicht selbst ein bisschen verreisen? Ich hatte da ja eine vage Einladung bekommen, damals, letzten Herbst. Von jemandem, der auch eine Art Konstante gewesen war. Und bei dem man nie wusste, aber einen vorsichtigen Versuch war es vielleicht wert.

Ich schrieb eine Nachricht, wie es ihm denn ginge, und ob er, falls ich mal so rein zufaellig in sein Staedtchen gelangen wuerde, Lust haette, mich zu treffen. War nicht sicher, ob er ueberhaupt antworten wuerde. Ein paar Minuten spaeter schrieb er zurueck, dass ich jederzeit gerne zu Besuch kommen koenne. Dass er ueberlegt hatte, mich einzuladen. Und dass er mich vermisst hatte.

 

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4 Kommentare leave one →
  1. Lotta permalink
    Juli 29, 2016 8:58 pm

    Alle paar Monate blitzt in meinem Emailpostfach ein neuer kleiner Text von dir auf. Dann freue ich mich jedes Mal riesig und bin gespannt, in welches Abenteuer du mich dieses Mal mitnehmen wirst. Danke, dass du ein paar deiner Erlebnisse und Gedanken hier teilst. Ich bewundere deinen Mut, dein Leben nach deinen Vorstellungen zu leben, auch wenn es oft nicht einfach ist! Danke für die Inspiration. Ich hoffe, es geht bald wieder bergauf und dein Aktionismus und deine Freude am Alltag und am Draußensein kehren zurück. Und vielleicht kriegen wir ja sogar etwas von deinem Besuch beim Husky-Mann zu lesen…?

  2. Juli 30, 2016 3:38 pm

    Uli! Das tut mir so leid, dass du so ein schweres Jahr hattest! Ich hoffe in der Fortsetzung gehts positiver weiter für dich, zum Kräftesammeln.

  3. Olli permalink
    August 2, 2016 9:31 am

    Liebe Ulrike,

    wir sind alle die fröhlich geschriebenen, meist positiv gestimmten Berichte von Dir gewohnt.
    Da vergisst man gerne, dass sie Dein echtes Leben widerspiegeln, das eben neben Höhen auch Tiefen hat.

    Schön, dass Du Freunde (wie den Huskymann, nehme ich an) hast, die für da sind.

    Lass Dich bloß nicht entmutigen.
    Ich selbst war vier Jahre auf der Welt unterwegs und wurde mehr oder weniger gezwungen, in mein altes Leben in Deutschland zurückzukehren. Glücklich bin ich seither nicht mehr.
    Aufgeben ist also nicht. Aber tief in Dir drin, weißt Du das ja selbst.

    Meine besten Wünsche

  4. Juli permalink
    August 3, 2016 8:00 pm

    Oh heftig, da kam richtig viel zusammen bei dir, mehr als ein einzelner Mensch bewältigen kann. Ich halte dich für einen sehr starken, mutigen Menschen – und nur wer das ist und Risiken eingeht, sich viel abverlangt, kann auch an so einen Punkt gelangen. Ich find’s gut, dass du Hilfe/Chancen annimmst, sei es die Therapie, Freunde, das Verreisen… viel Kraft für dich in der nächsten Zeit. Am Ende deines Beitrags steht so etwas wie ein kleiner Lichtblick, ich bin gespannt wie es weitergeht.

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