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Wilder Besuch

Februar 11, 2015

(von letztem Samstag)

Ole kommt, schreiben die Lokalzeitungen, und wird sich seltenerweise auch in der Stadt heftig bemerkbar machen. Man solle draussen lose Gegenstaende sichern. Er werde wohl nachmittags fuer ein paar Stunden hier vorbeikommen. Ich muss arbeiten und habe wenig Zeit, um Vorkehrungen zu treffen.

Mittags ist der Laden voll. Alle wollen nochmal Vorraete kaufen und vor Ole nach Hause kommen.

Gegen 2 ist niemand mehr da. Draussen ist es so windstill, dass es fuer diese Gegend fast gespenstisch ist. Am Horizont brauen sich schwarze Wolken zusammen.

Gegen 3 regt sich immer noch kein Lueftchen, und der Himmel ist weniger schwarz – abgesehen davon, dass es daemmert. Ein Kunde kommt und meint, dass das sicher eh nichts wird.

Gegen halb 4 lese ich auf der Website der Lokalzeitungen, dass Ole die Stadt „nach 4“ erreichen soll, und dass die Einwohner fuer die naechsten Stunden vermeiden sollen, nach draussen zu gehen.
Um 4 habe ich Ladenschluss. Um kurz nach 4 kommt hier ein Bus vorbei, mit dem ich um halb 5 zu Hause waere. Normalerweise nehme ich den naechsten Bus, der aber eine halbe Stunde spaeter faehrt. Wenn ich kurz vor 4 schon zusammenpacken kann, schaffe ich den fruehen.

NATUERLICH kommt kurz vor 4 noch ein Kundenpaerchen. Ich sage ihnen, dass sie sich beeilen muessen, weil ich nach Hause kommen muss und den frueheren Bus schaffen. Tippe hastig ihre Einkaeufe ein, schenke ihnen einen Teil des preisreduzierten Gemueses, das sowieso wegmuss, packe hastig zusammen, Kasse zaehlen kann ich naechstes Mal, Jacke, Tasche, Alarm aktivieren, abschliessen, zur Bushaltestelle rennen. Das war knapp. Immer noch keine Spur von Ole. Die Hauptstrasse ist immer noch recht gut gefuellt und die Leute scheinen keine Eile zu haben. Es faengt an zu schneien. Immer dichter.

Gegen halb 5 komme ich nach Hause. Schnappe mein Taschenmesser, schneide den Briefkasten los, der mit Paketschnur an einem Baum festgebunden ist und die weniger starken Winterstuerme knapp ueberlebt hat, und nehme ihn mit rein. Bugsiere die fast leere Muelltonne in den ziemlich vollen Schuppen. Und waehrend ich mich damit abmuehe, sie soweit in das Chaos reinzuschieben, dass das Tor zugeht, kommt Ole. Ploetzlich einfach so von 0 auf 100. Zum Glueck aus einer fuer meine Mission okayen Richtung, so dass ich mit einem grossen Kraftakt gerade so das Tor geschlossen bekomme. Jetzt nichts wie rein. Leichter gesagt als getan, wenn man durch den Schnee geblasen wird und Schnee auch ploetzlich das Einzige ist, was man sieht.

Ich schaffe es in meine Huette und werde von einem Stapel Unterlagen begruesst, der von einem Regal regnet. Der Boden zittert. Ole meint es ernst. Spaetestens jetzt ist eine Nachricht an den Huskymann, der in einer Huette direkt unten am Strand wohnt, nicht mehr uebertrieben. Es soll ungewoehnlich hohe Wellen geben und alles. Ich schreibe ihm schnell, dass ich hoffe, ihm und dem Husky gehe es gut, und dass er ja wisse, dass die beiden im Fall vom Flut oder sonstigem zu mir evakuieren koennten.

So. Prioritaeten. Diese Huette ist stabiler gebaut als die meisten modernen Haeuser, das Dach duerfte halten. Falls nicht, liegt die kleine alte Nebenhuette im Windschatten. Vorzuziehen waere aber die Sauna, eine kleine Blockhuette mit Holzofen. Der Strom kann jeden Moment ausfallen und vor dem Abklingen des Sturms auch kaum wiederhergestellt werden. Letztens erst gab es einen weniger starken Sturm weiter suedlich, der fuer ein paar Stunden die Stromversorgung in fast ganz Nordnorwegen lahmlegte. Kerzen und Streichhoelzer strategisch plazieren. Mein Handy piept. Der Huskymann bedankt sich und hofft, dass ich Orkane mag und es gemuetlich habe. Ich antworte, dass ich sie im Prinzip schon mag, aber es halt auch ein bisschen unheimlich ist, wenn alles bebt…

Ohne Strom haette ich hier auch kein Wasser, denn das wird elektrisch aus einem eigenen Brunnen gepumpt. Morgens habe ich schon eine Flasche mit Trinkwasser gefuellt, ich fuelle zwei weitere. Geheizt wird hier auch elektrisch, aber ich habe zusaetzlich einen offenen Kamin und genug Brennholz fuer ein paar Tage. Der Akku des Laptops haelt einige Stunden. Oh, mein genialer Campingkocher, der mit ein paar trockenen Zweigen o.ae. auskommt und damit gleichzeitig Strom zum Laden von Handy usw. erzeugen kann! Am besten aber schon mal am Laptop ueber USB aufladen. Die Kurbellaterne auch. Im Internet melden die Lokalzeitungen, dass schon 50000 Menschen ohne Strom sind und das Handynetz teilweise ausgefallen oder instabil. Strom, wofuer braucht man noch Strom? Kochen. Ich wasche Kartoffeln, fuelle den grossen Wasserkanister, lese mehr Ole-Nachrichten, Kartoffeln in den Topf, Waesche gewaschen habe ich heute morgen.

Der Liebste ruft an und fragt, wie es geht. Er habe ja waehrend der Bandprobe kaum mitbekommen, was draussen los ist. Jetzt koenne er wohl in absehbarer Zeit nicht bei mir vorbeikommen… Der Huskymann schreibt, ich solle bescheidsagen, falls etwas passiert, und ansonsten das irre Schauspiel geniessen. Ich stelle mich an das grosse Panoramafenster, das dem Wind zugewandt ist, schiebe die Vorhaenge zur Seite. Und finde heraus, was dieses seltsame Geraeusch ist, das ein bisschen wie Plastikknistern klingt – es ist das Fensterglas, das in den Rahmen zittert. Die Boeen druecken mir das grosse Fenster mindestens einen Zentimeter entgegen. Ach du Scheisse! Ich weiche zurueck. Mir faellt der Zeitungsartikel vom fruehen Nachmittag ein, als Ole weiter suedlich war und Fenster zerdrueckte. Dieses Panoramafenster ist deutlich juenger als der stabile Rest der Huette. Es ist eine Schwachstelle, und es liegt direkt Ole zugewandt. Die Windrichtung ist ungewoehnlich, und die Windstaerke hier selten dagewesen. Was, wenn ihr dieses Fenster nicht standhaelt?

Ok, worst case scenario. Das Fenster geht zu Bruch und Ole hat innerhalb von Sekunden freie Fahrt. Mit dieser Windrichtung waere ich hier drinnen nur in der Kuechenecke einigermassen sicher vor umherfliegenden Glassplittern und anderem Zeug. Ich ziehe vom Wohnzimmer- an den Kuechentisch um. Von dort haette ich genug Zeit, um unter dem Tisch hindurch ins Bad zu gelangen. Kerze und Streichhoelzer ins Bad. Dort wuerde es schnell kalt werden, vor allem ohne Strom, aber ich koennte eine ruhigere Phase abwarten, um durch die Hintertuer in die Sauna zu evakuieren.

Immer noch kein Stromausfall. Abwasch machen, aufraeumen? Wenn das Fenster eingeblasen wird, ist das sowieso egal. Ich sitze in meiner Ecke am Kuechentisch und lese Ole-Nachrichten, waehrend es draussen tobt und drinnen zittert.

Und jetzt fehlt eine Pointe. Nach ein paar Stunden freudigen Gruselns zog Ole naemlich einfach so weiter. Ohne mein Fenster zu zerstoeren, und ohne auch nur einen klitzekleinen Stromausfall. Dabei war ich so gut vorbereitet.

ole

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4 Kommentare leave one →
  1. Juli permalink
    Februar 11, 2015 2:03 pm

    I do love your stories. :) Pointe hin oder her…

  2. Hendrikje permalink
    Februar 13, 2015 9:16 pm

    Ich lese hier immer gerne bei dir vorbei. für mein fernweh und so.. :)

  3. Juli permalink
    August 5, 2015 3:58 pm

    Wie geht’s ein halbes Jahr später? Ein klitzekleiner Blogeintrag oder ein paar Fotos wären total schön… :D (akutes Schmachten hier, nicht nur aufgrund der Hitze… ;))

    • September 16, 2015 2:22 pm

      Hier waere der Sommer fast ausgefallen, aber inzwischen konnte ich ein paar schoene Erlebnisse und Bilder sammeln – online am naechsten freien regnerischen Nachmittag oder so ;)

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