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Wo ich denn bin

November 26, 2014

Ich habe euch und das Blog nicht vergessen! Es gab nur sooo viel anderes… Aber fangen wir von vorne an.

Mein letzter Eintrag war letztes Jahr Ende September. Letztes Jahr Anfang Oktober dann sagte ich zu meinem neuen Liebsten vom Hippiefestival (so neu, dass ich ihn in meinen letzten Texten nicht erwähnt hatte): „Weißt du, worauf ich Lust hätte? Einen eigenen Bioladen mit Café!“ – So etwas gab es hier nämlich nicht, und so etwas wie Umweltbewußtsein nur eher so rudimentär und theoretisch. Ich hatte allerdings in den letzten Jahren so viel über Ökodings, Landwirtschaft und mögliche Zukunftsszenarien gelesen, daß ich „normales“ Essen kaum noch runterkriegte und deshalb angesichts des Sortiments der örtlichen Supermärkte (die in ganz Norwegen zu ich glaube 95% nur drei Großkonzernen gehören) ziemlich abmagerte.
Ich sagte also leichtherzig dahin, dass es so toll wäre, einen unabhängigen Laden mit ordentlichem Essen und am besten noch Café zu haben, und erwartete eine Antwort, wie ich sie von meiner Handvoll Ökofreunde gewohnt war: „Ja, das wäre toll, aber würde natürlich nicht funktionieren.“ – Nicht in einer Stadt wie Tromsö, weit abgelegen in einem Entwicklungsland des Umweltbewußtseins, wo das Öl regierte. Schon gar nicht ohne BWL-Studium oder irgendeine relevante Ausbildung, ohne Startkapital, ohne Kreditwürdigkeit und was man sonst noch so braucht für eine Unternehmensgründung.
Mein neuer Hippieliebster allerdings – kein Studienabbrecher wie ich, sondern Schulabbrecher – sagte: „Oh ja, das machen wir!“

Den Oktober verbrachten wir damit, uns dieses Projekt in leuchtenden Farben auszumalen. Den November damit, über Optionen für die praktische Umsetzung nachzudenken. Im Dezember erzählten wir anderen davon, und kurz vor Weihnachten erzählte uns jemand, daß bald ein Teil eines recht zentral gelegenen alten Bauernhofs zur Miete frei würde.

Im Januar lasen wir uns Tag und Nacht in Bürokratisches ein, telefonierten mit Ratgebern und hausierten erfolglos bei Ämtern und Institutionen für finanzielle Starthilfe. Schließlich reifte der Plan, eine Kooperative mit vielen anderen zu gründen, um einen Laden aufzumachen und über Wasser zu halten. Wir starteten eine Facebook-Seite und dachten, wenn wir so 50 Fans finden, wäre das ja ein guter Anfang. Nach ein paar Tagen hatten wir über 1000.

Im Februar mußte ich dem Vermieter zusagen, weil die Räumlichkeiten super paßten und einmalig günstig waren. Wir arrangierten ein paar Infotreffen und dann ein Gründungstreffen für die Kooperative – mit unerwartet vielen enthusiastischen Menschen, die unerwartet wenig beim Infotreffen zugehört oder unsere Infomails gelesen hatten. Es wurde ein heilloses Chaos, und das entstandene Stiftungsdokument ungültig. Ich hatte schon die erste Miete überwiesen und registrierte vorläufig eine einfache Firma auf meinen Namen, weil das am Schnellsten ging und wir in die Gänge kommen mußten. Wir richteten uns mit gebrauchter und gespendeter Ausstattung einen kleinen Laden ein und steckten meine bescheidenen Ersparnisse in eine erste Warenbestellung, Schokolade und andere haltbare Grundnahrungsmittel.

eröffnung

 

Im März gaben wir dem Druck der (potentiellen) Kunden nach und begannen mit Obst und Gemüse, dann mit Milchprodukten. In der Zwischenzeit lösten sich die allermeisten der vielen Interessierten, die zum Laden beitragen wollten, in Luft auf. Der Hippieliebste half, wo er konnte, aber irgendwie mußten wir ja auch noch eigenes Geld verdienen – und mit einem frischeröffneten Laden jedenfalls nicht. Für neue Treffen zwecks Kooperativengründung blieb schlicht keine Zeit oder Energie.

junges gemüse

 

Jetzt habe ich also seit über neun Monaten „vorläufig“ die persönliche Verantwortung für Tromsös einzigen Bioladen. Wenn ich vier Hände hätte, hätte ich immer noch alle Hände voll zu tun. Aber immerhin haben es zwei Hippies ohne Ausbildung geschafft, einen Laden auf die Beine zu stellen, dessen Sortiment inzwischen bald aus allen Nähten platzt und für den immer mehr Menschen dankbar sind. Und trotz viel zu viel Arbeit, Bürokratiehölle, Streß, Frustration, Depression, Zweifeln und überhaupt Bindungsangst seinerseits ist der neue Hippieliebste bei mir geblieben.
 
Es wird wohl nie alles gut. Aber wenn man daran arbeitet, wird vielleicht das meiste besser.
 
...arktische erdbeeren!

 

 

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10 Kommentare leave one →
  1. Juli permalink
    November 29, 2014 9:00 pm

    Wow, da hat sich ja einiges getan! Ein mutiges und bewundernswertes Vorhaben euer Laden… der übrigens total einladend aussieht. :) Ich hoffe, es geht für euch immer weiter bergauf und drücke die Daumen.

    • Januar 23, 2015 3:37 am

      Schon wieder sehr spaet, aber: danke :)

  2. Olli permalink
    Dezember 4, 2014 11:58 am

    Schön, dass Du Dich, ihr Euch und ihr gemeinsam eine so sinnvolle und (hoffentlich doch) erfüllende Aufgabe gefunden habt.
    Nur denke auch immer mal wieder an uns, die wir vor den Bildschirmen schmachten :-)

    • Januar 23, 2015 3:38 am

      Das tu ich, mit entsprechend schlechtem Gewissen ;)

  3. Dezember 9, 2014 11:44 am

    Schade, dass du deinen Blog wohl nicht mehr weiterschreibst. Ich werde aber trotzdem bei Gelegenheit noch deine restlichen Beiträge lesen. Da ich nächstes Jahr für ein Praktikum nach Tromso gehe, ist es für mich umso interessanter deinen Blog zu lesen. Das du einen Bioladen eröffnet hast, ist übrigens super! Vielleicht sieht man sich dort dann mal :)

    • Januar 23, 2015 3:42 am

      Ich werde hoffentlich noch ab und zu weiterschreiben… Wenn der Laden so gut laeuft, dass du einfach die naechstbesten Einheimischen nach dem Weg fragen kannst ;)

  4. Januar 23, 2015 2:41 am

    ich hab dich vermisst. so oft hier reingeguckt. nun lese ich das. ich möchte dir und dem hippieliebsten alles gute wünschen und dass sich viele menschen finden die gerne etwas bioartiges essen. und dein schlusssatz rockt. wo ist eure fb seite? damit ich sie liken kann?

    • Januar 23, 2015 3:47 am

      Danke :)
      Die fb-Seite ist hier: https://www.facebook.com/pages/Økohandel-i-Tromsø/299141343566353 – nur auf Norwegisch, aber mit vielen Bildern ;)

  5. julia permalink
    September 11, 2015 1:38 am

    Oh Wow!
    Respekt für euren Mut und die Energie, die ihr in euren Traum steckt… Gibt es denn ökogärtnereien bzw -Landwirte bei euch in der Ecke, von denen ihr überhaupt Frischkram beziehen könnt?
    Ich war immer mal wieder bei jetzt.de unterwegs und bin darüber über Deinen Blog gestolpert. Tut jedesmal gut, empathische und kluge Kommentare von dir zu lesen.
    Ich glaube, ich werd fän!

    • September 16, 2015 2:28 pm

      Es gibt ein paar Økobauern, aber viel zu wenige, und die Saison fuer Gemuese und Beeren (anderes Obst gibt es hier praktisch nicht) ist sowieso sehr kurz hier. Das meiste kommt leider von Grosshaendlern in Suednorwegen, die wiederum das meiste importieren muessen.
      Danke fuer die lieben Worte :)

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