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Eingeschneit

April 1, 2013

In den letzten Wochen war ich mal wieder sehr beschäftigt. Damit, Touristen durch die Stadt zu führen, zu Huskies und Rentieren zu bringen, Gepäck ein- und auszuladen, mit Schild am Kai und am Flughafen rumzustehen… Damit, endlich wieder Skilaufen zu gehen. Damit, erst das Bett mit einer Grippe zu teilen und mir gleich darauf den berüchtigten Norovirus einzufangen, der auf einem der Kreuzfahrtschiffe grassierte.
Jetzt ist die Wintersaison gerade zu Ende gegangen, was mit Hundeschlittengaudi, Festessen am Feuer, Rodeln und anschließendem Ausgehen mit der ganzen Guide-Firma gefeiert wurde (feines Stadtmädchen auf der Kneipentoilette zu ihrer Freundin: „Sag mal, hier riecht es so nach… Lagerfeuer und Hund!?“). Ach ja, und nebenbei habe ich auch noch ein Vollzeitstudium angefangen. Sieben Jahre, nachdem ich zum ersten Mal deutlich die damals völlig abwegig erscheinende Sehnsucht verspürte, jenseits des Polarkreises zu leben und dort Natur und Völker des Nordens zu studieren, habe ich endlich auch den zweiten Teil geschafft. Nach einem sehr eifrigen Beginn hänge ich inzwischen wegen allem anderen oben Aufgezählten etwas hinterher, aber jetzt werde ich zwischen Winter- und Sommersaison sechs Wochen lang Zeit haben, mich meinem Traumstudium zu widmen. Und dem Schnee.

Der Schnee. Normalerweise haben wir hier Ende März das Maximum, durchschnittlich ein Meter. Dieses Jahr sind es schon gut eineinhalb, und es schneit weiter. Man raunt Kommentare, die die legendären 2,40 Meter enthalten – der bisherige Schneerekord von 1997, Ende April. Ich bin dazu übergegangen, statt rumzuschippen lieber in Skihose so lange trampelnd hin- und herzulaufen, bis mein Pfad zur Straße hin wieder einigermaßen ordentlich begehbar ist. Ein paar mal mußte ich dafür von einem Tag auf den anderen knietief durch den frischen Schnee waten. Normalerweise führen drei Holzstufen hinauf zu meiner Hütte. Inzwischen habe ich eine Schneestufe hinunter gebildet, und eine Treppe runter zum Plumpsklo, damit das bei Tauwetter nicht wieder eine (un)lustige Rutschpartie gibt. Ich wurde von jeder Faser meines Körpers dafür bestraft, die erste Skitour der Saison zusammen mit meiner hyperaktiven marathonlaufenden Freundin unternommen zu haben. Und wie letztes Jahr mußte ich mich wieder von neuem an die steilen Hügel gewöhnen, auf die man hier ständig trifft. Inzwischen habe ich Phase 1 „Ich dreh‘ um“, Phase 2 „Achduscheißewärichdochumgedreht“ und Phase 3 „Was soll’s, Augen auf und durch“ durchlaufen und schwanke noch zwischen Phase 4 „Macht das Spaß? Ich glaub‘, das macht Spaß“ und Phase 5 „Nochmal, nochmal!“.

Etwa die Hälfte der aktuellen Online-Schlagzeilen der Lokalzeitung hat mit Schnee zu tun, vor allem mit den Straßenverhältnissen und Lawinen. In den Bergen um Tromsø werden abends die Kopflampen von Leuten gesichtet, die trotz höchster Lawinenwarnstufe sich und andere in Gefahr bringen, aber, wie die örtliche Polizei sagt: „Dummheit kann man nicht verbieten“. Fünf Menschen sind dieses Jahr schon bei Lawinenunglücken umgekommen (wobei ich nicht sagen möchte, daß die alle dumm waren). Ich würde mich nur noch auf der kleinen Tromsö-Insel (trotz der furchterregenden Hänge hat die höchste Erhebung nur 157 m) von den frisch markierten Loipen wegtrauen. Derzeit sind 16 Straßen in der Region wegen Lawinenabgängen oder großer Lawinengefahr gesperrt, incl. Teile der Europastraße 6. Immer wieder werden Dörfer tagelang von der Außenwelt abgeschnitten. Und es schneit.

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6 Kommentare leave one →
  1. juli. permalink
    April 2, 2013 12:44 pm

    Oh wie schön wieder von dir zu lesen. Bitte mehr, die Zeiten dazwischen sind so bitter lang! :) Die fotos sind toll, diese Weite und Ruhe (jeg elsker snø!). Viel Erfolg und Freude mit deinem Studium, freut mich sehr, dass dein Traum nun in Erfüllung geht!

  2. Maike permalink
    April 19, 2013 10:16 am

    Habe deinen Blog gerade erst endeckt und ihn begeistert durchgelesen! Vielen Dank für die tollen, stimmungsvollen Beschreibungen deiner Erlebnisse.

  3. Juni 8, 2013 5:10 pm

    Ich wollte die Treppe zum Plumsklo sehen!

  4. juli. permalink
    Juli 1, 2013 4:21 pm

    Wie läuft’s denn so im hohen Norden? :) Sommer schon da?

  5. Juli 11, 2013 1:48 am

    Liebe Alle,

    vielen Dank fuer das Interesse und die Begeisterung :)
    Es laeuft drunter und drueber, aber gerade auch sehr gut. Ich hoffe, ich schaffe es in absehbarer Zeit mal wieder, etwas zu schreiben. Vielleicht kann ich zumindest ein paar Sommerbilder posten… ;)

  6. juli. permalink
    Juli 11, 2013 11:31 pm

    Drunter und drüber hört sich spannend an… Ich freu mich auf neue Zeilen oder Bilder (oder…noch besser…beides)! :)

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