Skip to content

Herbergssuche und schicksalhafte Zufallsfunde

Januar 11, 2013

Eine nachweihnachtliche Neujahrsgeschichte darüber, wie kleine Entscheidungen große Unterschiede machen können; wie ich einen wildfremden Mann zu mir nach Hause einlud und ihn drei Tage später als Bruder verabschiedete; wie das alte Jahr dort endete, wo es begonnen hatte; wie das neue Jahr wie ein Traum begann.

Dieses Mal hatte ich vor meiner Weihnachtsreise zur Familie lange gehadert. Die schwedische Bahn hatte den Fahrplan umgestellt und der Zug von Stockholm nach Narvik kam jetzt planmäßig um 15:40 Uhr an. Abfahrtszeit des einzigen Busses von Narvik nach Tromsö: sage und schreibe 3 Minuten vorher. War das ihr Ernst? Mußte ich wirklich wegen drei verdammten Minuten in Narvik übernachten und damit drei statt zwei Nächte unterwegs sein? Oder doch wieder Menschenmassen am Flughafen, Kontrollen, lächerliche Einschränkungen und fossile Energieverschwendung, um ohne Weg ans Ziel zu kommen?
Ich rief die Busgesellschaft an und fragte, ob das ihr Ernst sei, oder ob der Fahrer vielleicht sinnvollerweise auf den Zug warten könnte. Das könnte er, hieß es, solange der Zug nicht allzu viel Verspätung habe. Ich hatte diesen Zug als pünktlich in Erinnerung und würde ja im Notfall sicher eine Unterkunft finden, also entschied ich mal wieder zugunsten des Abenteuers.

Auf der Fahrt in den Süden ging bis auf eine kleinere Umbuchung alles gut. Auf der Rückfahrt nach Hause ging auch alles gut… Bis Stockholm. Dort startete der letzte und wichtigste Zug mit über einer Stunde Verspätung. Als klar wurde, daß diese Zeit nicht mehr eingeholt werden konnte und daß die schwedische Bahn für die Weiterreise in Norwegen keinerlei Verantwortung übernahm, waren alle Unterkünfte ausgebucht. Verdammte Nordlichttouristen. Es gab kein Internet im Zug, also auch kein Couchsurfing, und ich konnte keine privaten Kontakte auftreiben. Obdachlos für eine Nacht. Der Schaffner, den ich um Rat fragte, hielt mir eine Standpauke wegen meiner Verantwortungslosigkeit. Wäreichdocheinfachgeflogen.

Und dann sprach ich nach einigem Zögern zwei liebenswürdige ältere Damen am Bahnhof an, die die Tochter der einen fragten, die wiederum so lange (nämlich ziemlich lange) herumtelefonierte, bis sie jemanden gefunden hatte, bei dem ich unterkommen konnte. Ich verbrachte den Abend und den halben nächsten Tag mit einer sehr netten Familie und konnte die ganze Hilfsbereitschaft und die Gastfreundschaft, die ich erfahren durfte, kaum fassen.

Im Bus zurück nach Tromsö, kurz vor der Ankunft, wurde ich dann zufällig auf ein Gespräch ein paar Reihen vor mir aufmerksam. Hatte der gerade gesagt, er habe noch keine Unterkunft gefunden? Würde ich SO schnell die Chance bekommen, mich quasi zu revanchieren? Und war das nicht der gleiche langhaarige dunkelhäutige Typ, der mir schon im Zug aus Stockholm aufgefallen war? Und aus Kopenhagen? Er hatte nett gewirkt, irgendwie einen Eindruck hinterlassen. Und vor allem würde er so kurzfristig keinen Schlafplatz mehr finden, bei all den Nordlichttouristen, und in der gleichen Lage sein wie ich am Tag zuvor.
Ich faßte mir kurzentschlossen ein Herz und sprach ihn an. Ich hatte richtig gehört, und lud ihn also ein, bei mir zu Hause unterzukommen. Er nahm erstaunt und dankbar an.

Was dann folgte, war absolut filmreif. Der Gast, den ich mir aufgegabelt hatte, war nicht nur seit Kopenhagen im selben Zug unterwegs gewesen, sondern schon seit Frankfurt, wo meine Reise richtig losgegangen war. Er war sogar aus Österreich angereist, wo er in einem alten Häuschen in ähnlichen Verhältnissen lebte wie ich in meiner Hütte. Ursprünglich kam er aus Südamerika und war ein waschechter Indianer. Ein Indianer, der breitestes Österreichisch sprach. Er half mir lachend, das mäusekackedurchsetzte Chaos wegzuräumen, das der Vermieter über die Weihnachtstage mal wieder hinterlassen hatte. Dann reinigte er die Luft mit indianischem Räucherwerk und machte Tee aus wundersamen Kräutern. Bald waren wir in ein stundenlanges Gespräch über Norwegen, die Samen und andere Urvölker, Mutter Natur, den Zustand der Menschheit und überhaupt alles vertieft. Gegen Mitternacht wurden drei Dinge klar: 1. Wir hatten völlig vergessen, daß wir den ganzen Tag noch kaum etwas gegessen hatten. 2. Da hatten sich zwei gefunden. 3. Es würden sich noch zwei finden. Und zwar in dem hübschen roten Holzhäuschen am Meer.

Am nächsten Tag beschloss mein Zufallsgast zwischen Teegesprächen und Aussichtstaunen, dass er noch ein paar Tage bleiben wollte. Gut so. Jetzt mußte ich nur noch einen Weg finden, den einsiedlerischen Husky-Mann davon zu überzeugen, daß er diesen Menschen treffen und zu seinem Silvesterfeuer einladen wollte. Es war schon erstaunlich genug, daß er *mich* eingeladen hatte, als einzige Gesellschaft neben seinem Sohn und dem Husky.
Mein Zufallsgast glaubte nicht an Zufälle. „Alles hängt zusammen“, lächelte er, und vielleicht hatte er recht. Der Weg fand sich selbst. Mein Husky-Mann fand meinen Indianer bei einem Spaziergang, und erkannte ihn gleich als einen von uns. Er lud ihn ein, in das hübsche rote Holzhäuschen, und zum Silvesterfeuer am nächsten Abend.

Meine Erinnerungen an diesen Jahreswechsel sind so absurd schön, daß sie wie Traumsequenzen erscheinen. Wir stehen mit indianischem Rauch Arm in Arm am Meer, sehen den Leuten beim Geldverbrennen zu und verabschieden das alte Jahr. Wir feiern unseren Gast als neuen – oder wiedergefundenen – Bruder. Der Husky-Sohn saust mit abgelaufenen Seenotsignalen durch den Schnee. Und dann sitzen wir wieder auf den Rentierfellen am Lagerfeuer. „Eine gute Tradition„, stellt der Husky-Mann fest. Ich könnte mir keine bessere vorstellen. Während in der Glut Bratäpfel zischen, betet unser indianischer Bruder in den Kosmos und dankt für all das Gute, das wir erleben dürfen.
Der Husky-Mann steht auf und bietet zu meinem Erstaunen einen Joik dar. Ich lasse mich dazu hinreißen, zu singen, und erstaune wiederum den Husky-Mann. Wir beide tauschen sehr erstaunte Blicke aus, als unser südamerikanischer Bruder, der seine Gefühle für den Norden in einem eigenen Lied ausdrücken wollte, aus voller Kehle und Seele in die Bucht joikt, als hätte er sein Leben lang Rentiere in den Weiten Sápmis gehütet.
Der Husky-Sohn und ich sehen amüsiert dabei zu, wie die Männer kichernd, köpfezusammensteckend und immer wieder stehenbleibend eine Viertelstunde brauchen, um für mehr Teewasser zur Hütte und zurück zu laufen. Als wir sie deswegen aufziehen, erklären sie fröhlich, daß Zeit sowieso nur eine Illusion sei. So unbeschwert habe ich den Arktis-Öhi selten gesehen.

Gegen vier Uhr morgens ist alles ruhig geworden. Der indianische Bruder läßt aus seiner traditionellen Flöte langgezogene Töne Richtung Meer gleiten, wir anderen sehen schweigend ins Feuer. Ich fühle mich weggetragen in eine andere Zeit, in der ich in hohem Alter immer noch von lieben Menschen und weiter Natur umgeben friedlich in ein Lagerfeuer blicken darf, und ich hoffe, es war eine Vision.

Advertisements
6 Kommentare leave one →
  1. Anonymous permalink
    Januar 12, 2013 10:30 pm

    Frohes neues Jahr und hoffentlich noch viele solcher schönen Erlebnisse für Dich und Blog-Texte für uns! :)

  2. Olli permalink
    Januar 13, 2013 1:58 pm

    Schoen, mal wieder von Dir zu lesen und noch schoener, dass das Leben es gut mit Dir meint :-)

  3. julia permalink
    Januar 13, 2013 3:02 pm

    Wow, da hattest du wirklich eine zauberhafte Jahreswende. :) Danke, dass du das mit uns geteilt hast. Ich freu mich schon auf deine nächste Geschichte! Liebe Grüße :)

  4. Januar 14, 2013 3:31 pm

    Vielen Dank und ein schoenes neues Jahr euch allen :-)

  5. avalon permalink
    Januar 22, 2013 3:30 am

    und am ende des textes flüsterte ich: „wahnsinn.“
    genau danach sehne ich mich.

  6. Januar 30, 2013 1:36 pm

    Boah krass! Und ich dachte, ich erlebe coole Sachen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: