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Die Hippie-Insel, oder: die sehr erträgliche Leichtigkeit des Seins

November 9, 2012

Ganz Norwegen ist vom Kapitalismus besetzt. Ganz Norwegen? Nein! Eine kleine von unbeugsamen Hippies bevölkerte Insel hört nicht auf, der modernen Gesellschaft Widerstand zu leisten.

Ein Stück nördlich von Tromsö gibt es eine kleine Insel mit einer Handvoll hübschen alten Holzhäuschen und vor allem überaus malerischer Lage. Als der Schiffsverkehr hier oben noch von zentraler Bedeutung war, war diese Insel ein wichtiger Knotenpunkt. Dann geriet sie in Vergessenheit, mehr und mehr Einwohner zogen weg, die Behörden gaben die Siedlung auf. In den frühen 70er Jahren allerdings ließen sich ein paar Dutzend junge Menschen dort nieder, die das Stadtleben satt hatten, zurück zu den Wurzeln und eine bessere Welt wollten. Sie gründeten Landwirtschaftskooperativen und Kunstprojekte, und zogen mehr Sonderlinge aller Art an, die auf der Insel aufgenommen wurden.

Heute gibt es auf Karlsøya ein paar Dutzend bunt zusammengewürfelte Einwohner, eine alte Kirche, einen ehrenamtlich betriebenen Tante-Emma-Laden mit Café, und jeden Sommer Karlsøyfestivalen – ein Festival mit Musik, Kunst, Kinderprogramm und politischen Vorträgen. Und weil ich mich manchmal gerne ein bißchen normal fühle, meldete ich mich als freiwilliger Helfer, um umsonst mit dabei sein zu können. Ich nahm den Stadtbus zur großen Nachbarinsel und trampte dann eine Insel weiter zur Fähre. Wurde von einem sehr freundlichen Mann mitgenommen, der seinen kleinen Sohn in meine Obhut gab, der nämlich auf dem Festival seine Mutter treffen sollte. Fand später heraus, daß der neue Freund der Mutter ein guter Bekannter von mir war. Die Welt ist klein, vor allem in Nordnorwegen.
Auf dem Festival bemalte ich Holzstücke, die an einer Schnur um den Hals gehängt als Tickets galten. Ich rollte vegane Frühlingsrollen, teilte die Rollen, Salate und Walfleisch (das nach nordnorwegischer Logik quasi so gut wie vegan ist) aus und sorgte generell ein bißchen für Ordnung. Hing mit meiner Weltrettungsbande vor dem Zelt herum, würzte mein Essen mit wilden Kräutern, ließ eine Menge Reaggea über mich ergehen und tanzte wild zum guten Teil der Bands. Hörte sehr inspirierende Vorträge. Traf die Schwägerin meines Ex-Freundes aus Island. Knüpfte einen Weltrettungskontakt, der mir später noch viele weitere einbringen und mich im September nach Oslo führen würde. Freundete mich beim Tanzen mit einer durchgeknallten und sehr lieben mittelalten Frau an, und mit einer Samin mit Blumenhut.

Am frühen Morgen nach der letzten Nacht wurde ich von einer Tänzerin und ihrer schwer betrunkenen Freundin mit zur After-Party auf der anderen Seite der Insel genommen. Eine Weile vorher hatte jemand gesagt, jetzt würde es erst richtig losgehen. Das hatte ich stark bezweifelt, aber es war ein schöner Spaziergang. Mittendrin rief die Tänzerin: „Soll ich dir was zeigen!“, und führte mich quer über die Wiese zu einem der für mich völlig gleichaussehenden Bäume. Unten am Stamm waren unzählige 1-Kronen-Münzen zu sehen.
Nach ein paar Kilometern Fußpfad durch Wiesen und Wälder (und viel Wehklagen der betrunkenen Freundin) erreichten wir einen weiten Sandstrand. Davor saßen, standen und lagen auf grasbewachsenen Hügeln Menschen herum, meine beiden Tanzfreundinnen fand ich auch wieder. Richung Wald gab es eine Bühne mit Live-Musik, es wurde barfuß weitergetanzt. Die Party schien tatsächlich gerade erst richtig begonnen zu haben. Am Strand gab es immer wieder Leute, die es für eine gute Idee hielten, sich nach einer schlaflosen Nacht um 7 Uhr morgens bei ungefähr genauso viel °C splitternackt auszuziehen und ins Eismeer zu hüpfen. Ich beschloß, daß sie vollkommen recht hatten. Packte meine durchgeknallte Tanzfreundin, wir fanden noch Gesellschaft von zwei jungen Männern, und 20 Sekunden später stürzten wir uns schreiend ins Wasser. Danach fielen wir uns alle in die Arme, und stellten uns vor. Der eine junge Mann war ein mir vom Sehen bekanntes lokales Bandmitglied, der andere ein Punk aus Oslo. Der sagte mutmaßend in meine Richtung, daß ich doch auch eine Nordnorwegerin sei, oder. Ich rief – triumphierend darüber, daß mein ausländischer Akzent nicht aufgefallen war – „Jaaa!!“, und meine neue Freundin beschloß, daß ich gerade zur Nordnorwegerin getauft worden war. Wir standen immer noch zu viert Arm in Arm im Kreis, halbnackt mit Salzwasser in den Haaren, eine spontane Verschwörung. Es gab nur uns, den Strand am Ende der zivilisierten Welt und die Euphorie, nichts hätte besser sein können. Bis es dann doch etwas zu kühl wurde.

Später saßen wir noch lange auf den Hügeln über dem Strand. Die Musik kam inzwischen aus der Dose, damit die Musiker endlich wieder etwas rauchen konnten. Die samische Blumenfrau schmiß sich an zwei Männer gleichzeitig ran und fand, daß ich auch mindestens einen haben sollte. Also fragte sie kurzerhand einen sehr süßen, ob er mein Kuscheljunge sein wolle. Er sagte ja. Und als ich gegen Mittag dann doch mal schlafen gehen wollte, sprangen wir Hand in Hand zurück zum Festivalgelände, er verabschiedete sich höflich und ich packte mich zu meiner Bande im Schlafsack in die Sonne. Das Leben kann so einfach sein.

 

 

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4 Kommentare leave one →
  1. julia permalink
    November 10, 2012 1:48 pm

    Ich habe meinen Augen im ersten Moment nicht getraut – ein neuer Beitrag von dir! Und dann gleich so ein schöner…seufz. Licht und Wolken, Unbeschwertheit, Lachen, Eismeer, Grün… da kommt ein bisschen Neid bei mir auf (ganz im positiven Sinne :)) . Danke für die schönen Bilder (und damit meine ich nicht nur die Fotos ;)). Alles Liebe aus Wien! PS: Dein Norwegisch scheint ja dann schon wirklich hervorragend zu sein!

    • November 11, 2012 7:46 pm

      Gern geschehn, und danke zurueck ;) Dass ich mit Worten Bilder malen kann, ist ein sehr schoenes Kompliment. Mein Norwegisch ist aber leider weniger hervorragend, als der junge Mann betrunken war ;) Liebe Gruesse nach da unten!

  2. julia permalink
    Januar 2, 2013 1:14 am

    Happy New Year und viele liebe Grüße nach da oben! :)

    • Januar 2, 2013 6:19 pm

      Danke, dir auch ein tolles neues Jahr! Arktische Gruesse in den Sueden ;)

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