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Urlaubsbericht

September 18, 2012

Mein Daheim-Urlaub also. Da sowieso nur Dauerregen angesagt war, wollte ich viel Zeit am Fenster verbringen, in Museen und Cafés, mit Büchern und Postkarten. Am Ende änderte sich allerdings der Wetterbericht – oder zumindest das tatsächliche Wetter – oft kurzfristig zu meinen Gunsten, und so verging nur ein einziger Tag, an dem ich nicht draußen unterwegs war.

Was nach Plan lief: Mein Laptop blieb wirklich die ganze Woche aus. Was nicht nach Plan lief: Die Sache mit dem Zimmerzelten erwies sich als äußerst unpraktisch. Ich hatte nicht bedacht, daß ich im Wohnzimmer keine Heringe in den Boden schlagen konnte und mein Zelt aber nicht ungestützt stehenbleiben würde. Da ich aber ja zelten mußte, spannte ich schließlich die Abspannschnüre quer durch das Zimmer und befestigte sie an Regal, Schubladen, Tischbeinen und Stühlen. Dadurch konnte ich dann nur unter größten Verrenkungen das Fenster erreichen, und wenn ich die Sockenschublade aufmachte, machte mein Bauwerk die Grätsche. Ich verbrachte also trotzig eine Nacht im Zelt und beschloß dann, daß mein Urlaub zu kurz war, um mich mit so etwas herumzuärgern.

Insgesamt habe ich es in zwei Museen und ein Café geschafft. Ich habe mindestens 5 Leuten eine Postkarte versprochen, 8 gekauft, 1 geschrieben und 0 abgeschickt. Ich habe 5,5 Stunden an Bibliothekscomputern verbracht, ca. 10 Seiten in einem Buch gelesen und mindestens 17 verschiedene Vogelarten beobachtet, davon 10 vom Wohnzimmerfenster aus.
Ich traf ständig die selbe Freundin zufällig in der Stadt und spielte mit ihr Touri. Wir liefen mit Smoothie-Flaschen durch die Straßen und stießen auf die Gegenwart an. Ich fand eher unfreiwillig heraus, wie viele Leute in die kleine Saunahütte passen (sechs). Ich traf mich mit einer Blogleserin und wir gingen spontan im Regen wandern. Wir kamen zurück mit nassen Füßen, einigen Stangen verwildertem Rhabarber, einem Bund wildem arktischem Schnittlauch und ungefähr einem Kilo Pilze.

Ich war alleine in den Bergen, als dichter Nebel aufstieg. Ich konnte oft kaum den Pfad oder die Markierungen vor mir sehen und kam nur mit Kompaß weiter. Auf einmal hörte ich Schritte, aber konnte nichts sehen. Da stand ich also ganz alleine in der nebligen Wildnis und gruselte mich ziemlich. Ich blieb stehen und lauschte… Stille. Dann wieder Schritte, und plötzlich sah ich die Umrisse eines Geweihs auftauchen, direkt auf mich zu. Ein Rentier wurde sichtbar, schien sich genauso zu gruseln wie ich mich, und verschwand schnell wieder.
Später hatte ich noch eine weniger mystische Nebelbegegnung. Ich hörte plötzlich schnelle Schritte hinter mir, und noch bevor ich ordentlich erschrecken konnte, sauste ein junger Mann in stylischer Sportbekleidung an mir vorbei. Ich grüßte mit einem „Huch!“, er wurde für einen Moment langsamer, nahm kurz einen Stöpsel aus dem Ohr, grinste „‚Tschuldigung“, und verschwand wieder im Nichts.

Und am Samstagnachmittag, als ich gerade am Fenster eine an meinen fremdenfeindlichen Möwen vorbeiwandernde Gruppe Schneehühner beobachtete, rief eine Freundin an:
„Hast du Lust, mit auf ein Festival zu kommen!“
– „Äh… Was für ein Festival?“
„Weiß ich nicht so genau, wir fahren mit einer Band!“
– „Hä… Ich… Wann denn?“
„Naja, also eigentlich, jetzt sofort…“
– Ich war so überrumpelt, daß mir kein Grund dagegen einfiel. Als sie aufgelegt hatte und ich versuchte, schnell ein paar sinnvolle Sachen in meinen Rucksack zu stopfen, fiel mir ein, daß mein letztes Festival sechs Jahre zurücklag. Und mein mehr oder weniger erstes auch. Als ich dann kurze Zeit später tatsächlich im Kleinbus einer lokalen Band saß, fiel mir wieder ein, daß das auch gute Gründe hatte: Ich vertrage keine laute Musik. Menschenmassen auch nicht. Nicht einmal Alkohol. Aber da war es schon zu spät.

Zum Glück. Festivals, die aus einer winzigen Bühne und einer Handvoll guter Bands und Besucher an einem malerischen See bestehen, die man erst einmal im Wald suchen muß, bis einen Einheimische auf dem Traktoranhänger mitnehmen, vertrage ich nämlich offenbar doch ganz gut. Und in meinem Übermut beschloß ich, daß ich dieses Jahr wirklich mal zu diesem sagenumwobenen Festival auf der kleinen Hippie-Insel im Norden mußte. Das war eine folgenschwere Entscheidung, die durch eine Reihe glücklicher Zufälle dafür sorgte, daß ich schon wieder keine Zeit zum Schreiben habe.

(Bilder zum Bericht gibt es schon hier.)

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3 Kommentare leave one →
  1. julia permalink
    November 2, 2012 8:15 pm

    Hei hei, hoffe dir gehts gut da oben und das Stillschweigen auf deinem Blog ist nur auf positiven Stress zurückzuführen. :) Schaue jeden Tag vorbei, ob es etwas Neues gibt (und musste öfter mal an dich denken…die Polarnacht steht ja bevor ;) ).

    • November 4, 2012 2:01 pm

      Hei Julia! Du liegst richtig ;) Ich bin mal wieder an zu vielen Baustellen beschaeftigt… Aber das Wissen, dass jemand jeden Tag hier vorbeischaut und auf Neues wartet, wird das Blog wohl in der Prioritaetenliste wieder etwas hoeher ruecken lassen :)

  2. julia permalink
    November 5, 2012 11:55 am

    Ui, freut mich sehr zu hören. :)
    Liebe Grüße aus dem tiefen Süden!

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