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Silvesterüberraschungen

Januar 1, 2012

(Vorsicht, Textlawinengefahr! Bei Bedarf kann zu den lustigen Bildchen runtergescrollt werden.)

Am frühen Nachmittag schäle ich mich langsam aus dem Bett. Gestern abend bin ich heimgekommen, nach einer langen Reise mit Bahn und Bus aus Deutschland, wo ich Weihnachten verbracht habe. In der Nacht vor meiner Abreise hatte ich noch aufgeräumt und geputzt, weil ich kein Chaos hinterlassen wollte. Leider hatte ich dabei nicht bedacht, daß der Vermieterfreund vorbeikommen würde und keine solchen Bedenken hat. Meine Mitbewohner hatten kurz vor Weihnachten noch eine neue Herberge gefunden, eine größere und zivilisiertere, und waren ausgezogen. Ich fand also bei meiner Rückkehr eine auf 9 Grad heruntergekühlte Räuberhöhle vor.

Die fehlenden Besitztümer der neuen Ex-Mitbewohner schrien „Du bist alleine“. Der Boden war übersät von Kinderhandschuhen, Plastikverpackungen, Papierkram, neben dem Küchentisch stand ein großer leerer Karton, das Sofa zierte eine Klobrille. Die vielen Vermieterkisten im Bad waren verschwunden und gaben den Blick auf die verdreckten und von Farbspritzern und Brandspuren überzogenen Dielen frei. Willkommen zu Hause.

Während ich im Internet jemanden suchte, dem ich mein Unglück vorjammern konnte, schrieb mich der Vermieterfreund an. Offenbarte mir, daß die Kisten aus dem Bad leider nur auf den Dachboden umgezogen waren, wo ich gerne Gäste untergebracht hatte. Daß in vielen der Kisten, die ich in die Schuppen verfrachtet hatte, empfindliche Bücher seien, die zurück ins Haus müßten. Daß er es nicht geschafft hatte, die Toilette fertigzustellen, und daß er keine geeignete Waschmaschine hatte auftreiben können. Und daß sein Jüngster eines meiner Lieblingsbilder ruiniert hatte. „Sorry“.
 

Kein angenehmer Gedankenhintergrund für einen Start in den letzten Tag des Jahres. Oh nein, es ist ja schon Silvester! Das ist dieses Jahr aber irgendwie sehr plötzlich gekommen. Ich hätte es mir ja denken können, denn eigentlich kann ich schon seit einer Weile bis 31 zählen, und einen Kalender besitze ich auch. Trotzdem habe ich es komplett versäumt, mich darum zu kümmern. Vor Weihnachten hatte ich es noch mit der Mitbewohnerin davon, daß wir etwas zusammen machen sollten. Jetzt ist sie nicht mehr meine Mitbewohnerin, ich bin immer noch leicht angesäuert über das ganze Chaos, das mir hinterlassen wurde, und darüber, daß es ihr woanders besser gefällt, und jetzt hat sie bestimmt sowieso andere Pläne. Ich schreibe ihr trotzdem eine Nachricht. Sie antwortet nicht.

Wenigstens ist das ganze Chaos hier nicht so groß wie der leere Karton neben dem Küchentisch. Ich packe alles rein und stelle ihn in das häßliche Bad. Dann gehe ich Holzhacken.

Holzhacken ist super. Ein paar Ladungen Birkenscheite später beschließe ich, daß ich Silvester auch sehr gut alleine verbringen kann. Auf Party und Krach hätte ich sowieso keine Lust, dafür sehr viel auf entspanntes Bilanzziehen, auf Sauna und durch den Schnee rollen, Bratäpfel über dem Kaminfeuer, und stilles Aus-dem-Fenster-gucken. Es wäre gar nicht schlecht, das alleine zu machen. Nur wäre es kein so recht passender Abschluß für ein Jahr, in dem ich so sozial geworden bin und die Gesellschaft anderer Menschen zu schätzen gelernt habe wie nie zuvor. Ich überlege. Mir fällt niemand ein, der gerade in der Stadt ist und bei dem es nicht komisch wäre, jetzt noch nach Silvesterplänen zu fragen. Mir fällt aber jemand ein, dem ich nach seinen überraschenden Weihnachtswünschen versprochen hatte, mit nichtvirtuellen Umarmungen vorbeizukommen.

Ich stapfe durch den Schnee hinunter zum Meer, atme tief durch und klopfe an die Tür des roten Holzhäuschens. Sie öffnet sich zögernd, und dahinter blinzelt mich ein halbnackter Husky-Mann ausdruckslos an. „Hei, ich bringe die versprochenen Weihnachtsumarmungen..?“, sage ich vorsichtig. „Ah, ja, hallo“, murmelt er. Er ist also mal wieder der Arktis-Öhi. Ich schlage resigniert vor: „Soll ich vielleicht ein andermal wiederkommen..?“, und höre ein erleichtertes „ja“, bevor die Tür zugeht. So viel also dazu. Ich beschließe, lieber gar nicht mehr wiederzukommen, und beschreibe meine Silvesterpläne auf Couchsurfing.

Ein paar Stunden später sitze ich mit einem niedlichen holländischen Esoterikspinner und einer angenehm ironischen Landsfrau in der Sauna, während das Kaminfeuer Glut für die Bratäpfel schafft. Wir dösen in der Hitze und tauschen lustige Geschichten aus, dann bewerfen wir uns draußen quietschend mit Schnee. Nach ein paar Runden fühle ich mich so entspannt, daß ich fast an das Nirvana des Holländers glaube. Die beiden hatten eigentlich vor, noch in die Stadt zu gehen, jetzt haben sie aber keine Lust mehr darauf. Irgendwann fällt uns auf, daß ja schon bald Mitternacht ist. Den Jahresbeginn in der Sauna zu verschwitzen wäre aber auch nicht das Schlimmste.

Zurück im Haus sehe ich geistesabwesend auf mein Handy, und finde zu meiner Überraschung einen Anruf in Abwesenheit vor. Der Husky-Mann. Der Husky-Mann? Ich sehe zwei mal nach. Er hat tatsächlich versucht, mich anzurufen, um kurz vor zehn. Ich rufe zurück, und er antwortet fröhlich. Er sei nur müde und verwirrt gewesen vorhin, sei nach einer schlaflosen Nacht erst kurz vorher aufgewacht, und hatte vergessen, wann ich zurückkommen würde. Jetzt sitze er an seinem Feuer am Meer, müsse aber schnell seinen Sohn anrufen, es sei ja kurz vor 12. Leicht perplex lege ich auf.

Immer noch nur mit einem Handtuch bekleidet umarme ich um Mitternacht meine Gäste, und dann tue ich das einzig Logische: Ich stürme vor die Tür, werfe mein Handtuch weg und mich in den Schnee, lache schallend, rufe „Happy New Year!“ – und: „Look there are northern lights!!“

Während meine Gäste ihre ersten richtigen Nordlichter bewundern, schnappe ich mir meinen Bademantel, ein paar Socken und Stiefel, streife noch schnell den Wintermantel über und laufe ihnen kichernd hinterher. Nackt unter meinem langen, dunklen Mantel, wie ein Exhibitionist… Und einer plötzlichen Eingebung folgend stupse ich den Holländer an, der vergeblich versucht, einen dieser großen Papierlampions zum Fliegen zu bringen, mache „Pssst“ – und meinen Mantel auf, bevor ich buchstäblich vor Lachen auf dem Boden liege. Dann fällt mir auf, daß in dem häßlichen neuen Wohnblock Leute vom Balkon heruntersehen. Hallo, neue Nachbarn! Wir lachen noch mehr. Die denken bestimmt, ich bin total besoffen. Hoffentlich denken sie nur, ich bin total besoffen…
 

Die Tromsöaner geben sich Mühe mit dem Feuerwerk, aber gegen die still über den Himmel wandernden Nordlichter kommt nichts an. Mutter Natur meint es gut mit uns heute nacht. Wir laufen weiter Richtung Meer, wo es dunkler ist. Jetzt, wo ich sowieso schon auf dem Weg bin, könnte ich ja doch noch dem Husky-Mann einen kurzen Besuch abstatten. Einen sehr kurzen, so leicht bekleidet. Ich verabschiede mich für ein Weilchen von meinen Gästen und stapfe den Hügel hinunter. Mir fällt auf, daß ich nicht einmal meine Brille aufgesetzt habe, geschweige denn eine Lampe oder auch nur mein Handy dabei, und keinen Pfad sehe. Schnee stöbert in meine Stiefel, die 9 Minusgrade lassen meine nassen Haare gefrieren. Ich kichere. Das wird wirklich ein kurzer Besuch werden müssen, dann schnell zurück ins Warme.

Der Husky-Mann beobachtet amüsiert, wie ich durch den Schnee gestolpert komme, umarmt mich herzlich, und hört dann noch amüsierter meiner Geschichte zu. Er weist mich an, mich nah ans Feuer zu setzen, und ehe ich mich versehe, sind wir in eines unserer langen Gespräche vertieft. Über mich, über ihn, über Scheitern, Erfolge und Pläne, die Arktis, den Zustand der Welt, all die seltsamen, dummen, guten Menschen, und überhaupt alles. Wir sehen uns immer noch in die Augen, aber nicht mehr für länger als eine halbe Sekunde. „Ich habe meine Entscheidung getroffen“, sagt er, und ich weiß nicht, ob er es mir oder sich selbst sagt. Er legt mir seine riesige Jacke um die Schultern. Ich wollte ja eigentlich nur ganz kurz hallo sagen und dann schnell wieder zurückrennen, bemerke ich. Er lacht: „Jetzt bist du schon seit einer Stunde hier“, und macht heiße Schokolade.
 

Ich dachte, die letzte Silvesternacht sei nicht zu toppen, aber diese hier ist vielleicht doch besser. Weil sie sich realer anfühlt. „War das letztes Jahr, als wir zusammen waren..? Es scheint alles so weit weg. Das war ein sehr langes Jahr“, sagt er. Das war es allerdings. Es war ein hartes Jahr für mich, aber auch ein wichtiges, und oft trotz allem ein sehr gutes. Es begann in ungeahnten Höhen, ging steil bergab und dann holprig bergauf. Alles wurde wieder besser, sogar die Zukunft. Jetzt sitzen wir hier und sind beide alleine, aber nicht ganz. Dann fällt mir ein, daß ich wohl mal nach meinen Gästen sehen sollte. Er schließt seine riesige Jacke um mich und besteht darauf, daß ich sie mit zu mir nehme. „Du kannst dir eine Lungenentzündung holen, hast du davon schon mal gehört?“ – Ich nicke artig.

Am Balkon der neuen Nachbarn muß ich nochmal kichern. Als ich nach Hause komme, ist es 2 Uhr morgens und meine Gäste liegen friedlich auf dem großen Schlafsofa. Ich bin naß und dreckig, rieche nach Feuer, und meine Wangen glühen. Das Leben ist gut.

 
– Ein frohes neues Jahr euch allen!!

Und hier noch ein paar Illustrationen meines vergangenen Jahres, die zum Weihnachtsgeschenk für meine liebe Oma gehörten:

 

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3 Kommentare leave one →
  1. Anonymous permalink
    Januar 2, 2012 10:49 am

    heisann, bin vor kurzem auf deinen blog gestossen, habe angefangen zu lesen und konnte erst wieder aufhören als ich alles durch hatte :-) ich liebe deine leicht ironische schreibweise, is genau meins, lach. wünsche dir im neuen jahr viel glück da oben! im märz ist es soweit, dann ziehen wir mit sack und pack nach tromsø – bin schon soooo gespannt… hilsen alex

    • Januar 3, 2012 1:42 am

      Hei Alex, dankeschøn und viel Glueck zurueck :-)

  2. Januar 15, 2012 3:26 pm

    klingt nach einem vollkommenen silvester.
    dir ein glückliches 2012!

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