Skip to content

Integrieren und integrieren lassen

Dezember 23, 2011

Tschuldigung, ich mußte mich mal kurz integrieren. Wurde auch langsam Zeit, nach fast eineinhalb Jahren hier.

Nach einem halben Jahr in meiner neuen Heimat war ich noch hauptsächlich mit einer manisch-depressiven Romanze beschäftigt, traf ab und zu meine einzige Freundin vor Ort, saß viel zu viel an meinem Laptop und sah aus dem Fenster. Nach einem Jahr fing ich an, Touristen auf Stadtrundfahrten zu bespaßen, traf mich manchmal mit Leuten aus allen möglichen Ländern, die fast alle bald nach Oslo oder zurück in den Süden wollten, und unternahm lange einsame Streifzüge in der Wildnis.
Jetzt, nach fast eineinhalb Jahren, habe ich das Gefühl, daß ich fast alle hier über eine oder zwei Ecken kenne, mein Terminkalender ist mit mehr Terminen als Gekritzel gefüllt, ich treffe Freunde in Cafés, gehe mit charmanten Männern ins Theater und auf Konzerte, und bin manchmal verwirrt, wenn mich jemand auf Englisch oder gar Deutsch anspricht. Ich habe zum ersten Mal mehr mit Norwegern als mit Mitimmigranten oder Reisenden zu tun. Mit dem hübschen Busfahrer, der mir letztes Jahr schon als polarnachtversüßend aufgefallen war, plane ich jetzt die Weltherrschaftrettung. Durch mein Geschlecht, meine relative Jugend und nicht zuletzt durch meine Anwesenheit habe ich mich für den Ortsvorstand des Weltrettungsvereins qualifiziert. Ich bin mittendrin.

Wie es zu diesem plötzlichen Integrationsanfall kam? Ich schätze, es war eine Mischung aus guten Ideen, hartnäckigen Anstrengungen und zur-richtigen-Zeit-am-richtigen-Ort-sein. Die Entwicklung spielte sich hauptsächlich an drei Fronten ab:

1. Die Sprachfront. Die Norweger sind bekannt dafür, sehr gut Englisch zu sprechen, und ich spreche es inzwischen fast so gut wie Deutsch. Das macht alles viel leichter, aber auch viel schwerer. Ich habe kein Problem damit, mich im Alltag zu verständigen, und auch tiefsinnige Gespräche kann ich mühelos führen. Die meisten Norweger wenden ihre Sprachkenntnisse auch gerne an, und unterhalten sich sogar untereinander auf Englisch, damit man zuhören kann. Trotzdem bleibt man dadurch ein Fremder. Eine Art linguistisch Zurückgebliebener, auf den besondere Rücksicht genommen werden muß. Es ist sehr wahr, daß Sprache Identität schafft und vereint.
Zusätzlich dazu, daß es so verführerisch bequem war, sich ins Englische zu flüchten, half es nicht, daß mir alle beteuerten, wie leicht es doch für Deutsche sei, Norwegisch zu lernen, und wie viele Deutsche sie kannten, die es im Nullkommanix perfekt beherrschten. Ich weiß ich weiß, das sollte aufmunternd wirken, aber bei mir geht so etwas total daneben. Wenn das Beste, was ich erreichen kann, sowieso völlig normal für eine Deutsche wäre, wie soll ich denn da motiviert sein? Finnisch fand ich super. „Was, Finnisch??! Das ist doch so schwer! Das ist fast unmöglich zu lernen!“ – So macht das Spaß. Mein Finnisch ist immer noch ganz passabel. Mit Norwegisch dagegen tat ich mir schwer, das war einfach zu leicht. Außerdem sperrte ich mich dagegen, es auf die konventionelle Art zu lernen, weil das ja langweilig war. Ich hoffte wohl, es irgendwie durch Osmose aufzusaugen oder so.
Irgendwann wurde ich mir dann selbst zu bunt, und ich führte mir doch noch ein Grammatikbuch zu Gemüte. Es war eigentlich gar nicht so langweilig. Stattdessen ging mir ein Licht nach dem anderen auf, und es machte gleich viel mehr Spaß, Norwegisch zu sprechen, wenn ich nicht ständig herumstottern und Endungen und Präpositionen raten mußte. Lesen war schon lange kein Problem mehr gewesen, jetzt konnte ich auch einigermaßen sprechen. Es war aber immer noch anstrengend, ich konnte die meisten Leute nur sehr schlecht verstehen, und für persönliche Unterhaltungen fand ich meine Sprachkenntnisse immer noch nicht ausreichend.

2. Aktiv werden. Ich sah mir immer öfter an, was in der Stadt so los war und was mich interessieren könnte. Kam zu Veranstaltungen der Museen, zu offenen Vorlesungen der Uni, und dort mit Leuten ins Gespräch. Traf immer mehr bekannte Gesichter. Kontaktierte hartnäckig die Weltretter, bis sie mich mitspielen ließen, und am Ende waren sie sogar froh darüber.

3. Rumhängen. Manchmal darf ich es offenbar auch mal leicht haben. Alles, was ich brauchte, war die Schamlosigkeit, mich alleine an die Theke meines kleinen Lieblings-Café/Kneipen-Dingens, in das ich viel zu selten gegangen war, zu setzen. Die Nordnorweger sind allgemein sehr freundlich und (für skandinavische Verhältnisse) kontaktfreudig, und in diesem Laden schien jeder jeden zu kennen. Also wollte man mich auch kennenlernen. Immer wieder setzte sich jemand für eine Weile zu mir, oder ich wurde in Unterhaltungen neben mir miteinbezogen, ohne jede Aufdringlichkeit. Ich kam bald wieder. Und wieder. Nach kurzer Zeit wurde ich von allen Seiten herzlich begrüßt.

Dann verband ich auch noch das Rumhängen mit dem Aktivwerden, malte in meinem Café ein Plakat für einen Weltrettungs-Aktionstag und rekrutierte mein dort kennengelerntes Theater-Date für musikalische Unterstützung. Dafür brachte ich die Aktivisten auch dazu, mit mir dort rumzuhängen.

Und irgendwann fiel mir auf, daß ich vergessen hatte, daß mein Norwegisch noch nicht gut genug war, um an Unterhaltungen teilzunehmen. Da war es aber schon zu spät.

Advertisements
2 Kommentare leave one →
  1. Stefan Kurz permalink
    Dezember 23, 2011 9:39 pm

    Das liest sich so, als wärest Du in Norwegen angekommen. Glückwunsch

    • Januar 3, 2012 1:50 am

      :-) Danke!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: