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Herbstkitsch und Muskeltiger

September 19, 2011

Der Wind wirft mit bunten Blättern um sich. Die Temperaturen, die sich dieses Jahr ungewöhnlich lange im zweistelligen Bereich gehalten haben, fallen langsam. Morgens hüllt sich der Fjord immer öfter in dicke Nebelschwaden, die die Luft dann später umso klarer hinterlassen. Es gibt mehr Regen, und mehr Regenbogen. Mehr Dunkelheit, mehr leuchtenden Abendhimmel und Nordlichter. Es riecht nach feuchtem Laub und nach Erde, nach Baumharz und Pilzen. Der Herbst ist da, und er läßt einen den Sommer gerne vergessen.

Ich habe sehr erfolgreich an Bachufern nach Himbeeren gesucht, und sehr erfolglos das Birkenlaub nach Pfifferlingen durchforstet. Ich habe die Gummistiefel ausgepackt und mich auch bei Regenwetter zu Spaziergängen aufgerafft – und dann bereut, meine Kamera nicht mitgenommen zu haben, weil ich dachte, bei diesem Wetter gäbe es nichts zu sehen.
Ich habe mich von der Abendsonne, dem spiegelglatten Meer und der herbstlichen Küste ins Ruderboot locken lassen, und fand es dabei wieder einmal überaus bedauerlich, daß ich keinen Fisch mag. Angeln nämlich würde so gut zu mir passen! Also bis auf die Sache mit den Fischen. Aber mit dem Boot draußen auf dem Wasser rumeiern und einfach nur still vor mich hinstarren finde ich total super. Nur sieht es halt komisch aus, wenn man dafür keinen speziellen Grund hat. Vielleicht sollte ich mir ein Angel-Imitat besorgen und so tun, als würde ich angeln. So ähnlich wie mit alkoholfreiem Bier also – sieht erst mal genauso aus, aber man muß sich nicht mit den ekligen Folgen herumärgern.
Die Kartoffeln der Gartenfreundin (als „unsere Kartoffeln“ kann ich sie kaum bezeichnen, denn ich habe mich nur mit schätzungsweise einer halben Stunde gemächlichem Unkrautjäten und etwas halbherzigem Anhäufeln beteiligt) wurden skandalöserweise allesamt geklaut. Die Rückkehr der Lieblingsfranzösin mußte mit einem Crêpes- und Rotweingelage gefeiert werden. Ich verbrachte so viel Zeit mit den neuen Mitbewohnern, „alten“ Freunden und Bekannten und beeindruckten Touristen, daß meine autistische Ader zu platzen drohte und ich mich ein paar Tage krankschreiben und einigeln mußte.

Dummerweise hatte ich da schon in einem übermütigen Moment einem Kollegen zugesagt, daß ich mit zum Fußballspielen kommen würde. Beziehungsweise, ich war so überrascht davon und fühlte mich so geehrt, daß mir das jemand zutraute, daß ich nicht nein sagen konnte. Fußball ist ja sogar auch ein bißchen ortstypisch, es gibt hier nicht umsonst den nördlichsten Spitzenclub der Welt (einer der sehr zahlreichen unverifizierten Superlative dieser Stadt).
Hinterher fiel mir dann ein, daß ich eigentlich noch nie so richtig Fußball gespielt hatte, und so halbrichtig zum letzten Mal wann? In der Mittelstufe? Mit meinem kleinen Cousin, als er fünf war? Am Tag der Wahrheit fiel mir dann noch ein, daß ich auch gar keine geeigneten Klamotten besaß. Und daß sich meine einzigen Sneakers (nicht, daß ich viele andere Schuhe hätte – bin ich ein Mädchen oder was?) noch draußen auf dem Segelboot befanden, aber die Wellen gerade zu hoch waren, um dorthin zu rudern. Wenig später stand ich also bei 7 Grad und Nieselregen in normalen Straßenklamotten auf dem Platz, um mich zwischen irrsinnig sportlich aussehenden semivirtuosen Kickern zwei Stunden lang ausgiebig zu blamieren. Ich wisse nur nicht, wo ich mich hinstellen sollte, um einen Ball zugespielt zu bekommen, versuchte man mir zu erklären. Meistens wußte ich das sehr wohl – und mied diese Stellen daher geflissentlich, sonst würde ich ja am Ende noch einen Ball zugespielt bekommen! Es war mir ein ziemliches Rätsel, wie die anderen das Ding dahin bekamen, wo sie es haben wollten. Ich schob es auf meine ungeeigneten Schuhe und konzentrierte mich darauf, auf meine ballbesitzenden Gegner zuzustürmen und sie aus dem Konzept zu bringen. Überraschenderweise waren die Sportler trotzdem nett zu mir, manchmal sah es auch so aus, als hätte ich einen Ball absichtlich in die richtige Richtung geschossen, und ich landete nur zwei mal unsanft auf dem Kunstrasen.
Dafür habe ich jetzt Muskelkater in der Größenordnung von Säbelzahntigern und kann mich nur schwerfällig ächzend durch die Wohnung schleppen. Das Dumme ist: Es hat tierisch Spaß gemacht und ich will das richtig können. Ich glaube, ich bin nächstes Mal wieder dabei.

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