Skip to content

Gesellschaft

September 12, 2011

Weil ich so ein sozialer Mensch bin und überhaupt gar kein komischer Einsiedler, der sich unter Menschen schnell unwohl und überfordert fühlt, habe ich mir jetzt Mitbewohner ins Haus geholt. Gleich zwei. Nämlich ein Pärchen, weil ich auf die ganz besonders gut zu sprechen bin. Na gut, eigentlich eher deswegen, weil mein Kollege beim Anblick meines bescheidenen Holzhäuschens genauso entzückt war wie ich damals, weil er und seine Freundin dringend eine bezahlbare Unterkunft brauchten, und weil ich die Aussicht auf 50% weniger Miete sehr verlockend fand.
Ich habe also ziemlich genau zwei Jahre nach meinem Schwur, mich nie wieder auf eine WG einzulassen, einen dauerquasselnden durchgeknallten Franzosen und seine mir völlig unbekannte Freundin einziehen lassen. Mein Vermieterfreund erwies sich dabei als sehr pragmatisch: „Können sie mit einer Kettensäge umgehen?“ – Das konnten sie in der Tat, also waren sie willkommen.
Ich stellte allerdings gleich mal klar, daß ich eine schreckliche Mitbewohnerin bin und es mich normalerweise nach ein paar Tagen nervt, ständig Leute um mich herum zu haben, und daß das ja überhaupt nur eine vorübergehende Lösung sei, bis die beiden eine andere Bleibe finden würden. Ich bereitete mich schon einmal darauf vor, sie möglichst schonend rauszuschmeißen bzw. die unangenehme Zeit bis zu ihrem Auszug durchzustehen. Ich überlegte, wo ich die Grenze ziehen sollte zwischen erträglichem Opfer für die billigere Miete und unerträglicher Störung meines Hausfriedens.

Nur mit einem hatte ich nicht gerechnet: damit, daß ich mir bald wünschen würde, die beiden würden keine andere Wohnung finden. Die Freundin meines durchgeknallten Kollegen kommt nämlich aus der finnischen Wildnis und ist gar nicht durchgeknallt, oder zumindest auf eine mir sehr vertraute Art. Innerhalb von zehn Minuten waren wir in ein Gespräch verwickelt, dem ihr Freund nicht folgen konnte, und sie lieh sich mein Lieblingsbuch aus. Drei Tage später kaperten wir das alte Ruderboot des Vermieters und eierten lachend durch den Fjord, stapften durch einen Sumpf, stiegen auf einen Berg, machten dort für den Rest des Tages „eine kleine Pause“ und genossen die Aussicht und die Sonne, während wir aus unseren Leben erzählten. Wir pflückten Unmengen an Blaubeeren und genügend Pilze für ein Abendessen. Sie baute das Zelt auf, während ich Feuerholz sammelte, und bereitete das Essen vor, während ich zündelte. Wir schnitzten Löffel aus Birkenholz, während Pilze, Bohnen und Kartoffeln in der Glut schmorten. Wir holten Wasser aus dem Bach und tranken heiße Schokolade mit ausgeprägter Rauchnote, während über unseren Köpfen die Nacht hereinbrach, sich mehr Sterne zeigten, als im lichtverschmutzten Mitteleuropa jemals zu sehen sind, und Nordlichter über den Himmel wanderten. „Genau so sollte das Leben sein“, sagte ich, auf unserem Baumstamm am Feuer sitzend, in die Nacht, und sie sagte „jep“.

Alles war gut.

Bis sie um vier Uhr morgens hektisch das Zelt aufriß, um sich ausgiebig in die Blaubeerbüsche zu übergeben, und wir im Morgengrauen zurückwandern mußten. Aber irgendwas ist ja immer.

 


 

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: