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Perfekter Tag.

August 31, 2011

(Ein verspätetes Protokoll von vorletztem Samstag)

Früh aufstehen wollte ich heute eigentlich, und dann mit Husky-Mann und Husky einen Bootsausflug machen, angeln – bzw. in meinem (vegetarischen) Fall fasziniert und leicht befremdet beim Angeln zusehen -, Inseln erkunden und Beeren pflücken. Nun muß man aber wissen, daß auf den Husky-Mann noch weniger Verlaß ist als auf den arktischen Wetterbericht – und das will einiges heißen.
Als ich mich also, da Wecker menschenverachtende Folterwerkzeuge sind, am doch eher späten Morgen aus dem Bett schäle und mich am Fenster auf die Zehenspitzen stelle, um das Husky-Haus zu sehen, sind die Vorhänge noch zugezogen. Dann frühstücke ich also gemütlich, packe ein paar Sachen und feile an meinem Plan B: alleine losziehen. Wandern und in einer Berghütte übernachten oder Fahrrad fahren und an einem Strand zelten? Ein Zelt habe ich nicht, aber der Husky-Mann hatte großzügig angeboten, ich könne mir etwas von seiner umfangreichen Ausrüstung leihen. Er scheint allerdings immer noch zu schlafen.

Als gegen Mittag die huskyschen Vorhänge immer noch zu sind, beschließe ich, mich lieber auf den sonnigen Wetterbericht zu verlassen, und schreibe eine SMS: „Habe Schlafsack und Isomatte eingepackt und mache mich jetzt mit dem Fahrrad auf Richtung Sommarøy, damit du dir keinen Streß machen mußt :-)“. Husky-Mann und moderne Kommunikationstechnologie paßt nicht so gut zusammen, und müder Husky-Mann paßt mit gar nichts zusammen. Dementsprechend bin ich wenig überrascht, keine Antwort zu erhalten.

12:15. Aufbruch ins Ungewisse. Sommarøy soll eine wunderschöne Insel voller Sandstrände sein und steht ganz oben auf meiner To-go-Liste. Allerdings sind es 75 km bis dorthin, d.h. ich würde, wenn überhaupt, erst abends ankommen, und müßte morgens wieder losradeln, um am Montag arbeiten zu können. Es wäre also eher eine Der-Weg-ist-das-Ziel-Tour, was angesichts der malerischen Küstenstrecken und Bergpanoramen auch in Ordnung gehen würde.

12:20. Irgendwie fühle ich mich aber heute nicht so fit. Und dann sind auch noch 9 Meter Wind pro Sekunde angesagt, puh…

12:25. Irgendwas klappert an diesem Fahrrad..?

12:30. Ich könnte einfach umkehren. Ist doch eine irre Idee, 75 km mit einem suspekten Billigfahrrad und ohne Zelt. Ich bin müde! Ich will nach Hause! Und vielleicht würde der Husky-Mann ja doch noch..?
12:31. Nein. Der Husky-Mann würde nicht, und wenn, dann könnte er mich. Ich werde ihm zeigen, daß ich ihn und sein Boot nicht brauche, um einen tollen Ausflug zu haben. Ich bin nicht müde! Ich werde mich jetzt aus Trotz total amüsieren.

12:35. Trampen wäre eine Option. Ich könnte das Fahrrad stehenlassen, etwas außerhalb der Stadt, und dann wahrscheinlich davon profitieren, daß Sommarøy eine beliebte Ferien- und Wochenendausflugsinsel der Tromsøaner ist. Dann müßte ich trotzdem noch die längste Straßenbrücke Nordnorwegens hinaufächzen. Was tut man nicht alles, um anderen zu beweisen, wie viel Spaß man hat.

12:50. Die Brücke ist bezwungen und mein Fahrrad an einen Bushaltestellenpfosten gekettet. Rucksack ab, Daumen raus und möglichst sympathisch aussehen.

12:55. Zwei Frauen um die 40 sind so nett, mich ein Stück mitzunehmen. Sie arbeiten beide im Krankenhaus und sind zu einem Café unterwegs, das auf meinem Weg liegt.

13:30. Den beiden fällt auf, daß sie irgendwo falsch abgebogen sind und sich ziemlich verfahren haben – und zwar sehr zu meinen Gunsten.

13:35. Ich werde an einem günstigen Halteplatz mit guten Wünschen abgesetzt und bedanke mich fürs Mitnehmen und fürs Verfahren.

13:37. Ich hatte kaum Zeit, meinen Rucksack abzusetzen und mir den frischen Wind um die Nase wehen zu lassen, als das erste vorbeikommende Auto auch gleich anhält. Zwei junge Frauen und ein Baby. Nach Sommarøy? Klar, steig ein!
Die beiden kommen aus dem Norden, eine ist Sami, sie studieren in Tromsø und machen einen Tagesausflug.

13:55. Ich werde vor dem Hotel Sommarøy rausgelassen, suche dort vergeblich nach einer Landkarte und laufe dann eben auf gut Glück los.

Gegen 15 Uhr. Ich bin ein bißchen über Hillesøy, die größere und unbebautere Insel hinter Sommarøy, gewandert (glaube ich), dann bei Ebbe zu einer kleineren und völlig menschenleeren Insel gelangt, wo ich an einem sehr hübschen Sandstrand ein spätes Mittagessen genieße.

Gegen 15:30 Uhr. Die Flut ist deutlich schneller zurückgekommen als erwartet, und das glasklare Wasser ist deutlich tiefer, als es aussieht. Dadurch ist jetzt meine hochgekrempelte Hose deutlich durchnäßt. Na, dann kann ich ja genauso gut baden gehen! Ist ja auch super Badewetter, bestimmt fast 20 Grad und manchmal auch noch sonnig.
Ich hänge meine Hose zum Trocknen über einen Felsen und wage mich in Unterwäsche in das Wasser, das höchstens 12 Grad haben dürfte. Es fühlt sich gar nicht so kalt an, wie ich es von früheren Badeversuchen in Erinnerung hatte. Ich muß zwei Taschenkrebsen und ein paar Seeigeln ausweichen, zum Glück ist es sehr seicht und man kann überall auf den Grund sehen. Ich bin bis über die Knie im Wasser. Es ist gar nicht so kalt. Ich bin bis zu den Oberschenkeln im Wasser. Es ist wirklich nicht so kalt. Jetzt einen beherzten Schwimmsto… Ich bekomme keine Luft mehr! Was soll das denn, ich hyperventiliere? Das ist aber keine gute Idee, vor allem im Wasser und ganz alleine. Ich begebe mich also schleunigst an Land und ruhe mich etwas aus. Starte noch einen Versuch. Kann meine Lungen nicht davon überzeugen, sich im Eismeer ordentlich zu benehmen. Na toll, so wird kein Polarheld aus mir.

Gegen 16:30. Das nächste Körperteil verhält sich unkooperativ. Mein rechter Fuß hatte schon seit einer Weile wehgetan, aber das hatte ich beim Balancieren auf scharfen Felskanten und an sandigen Stränden erst mal ignoriert. Ich dachte, ich hätte mich eben irgendwo ein bißchen gestoßen. Nachdem es aber nicht aufhört, sehe ich doch einmal nach, und ich sehe einen Haufen Blut. Auch das noch. Ein ziemlich tiefer und mittlerweile auch ziemlich verdreckter Schnitt. Ich überlege kurz, zurückzutrampen und vielleicht sogar einen Arzt aufzusuchen, um eine Entzündung zu vermeiden. Aber wozu habe ich Desinfektionsmittel, Küchenrolle und Pflaster dabei und einen Heilpflanzen-Tick? Saubermachen so weit es geht, Antibac reintröpfeln, Schafgarbe draufpacken, ein Pflaster kreuz, das andere quer, und weiter gehts. Ich komme mir wieder etwas heldenhafter vor, suche mir einen hübschen Lagerplatz am Strand und sammle humpelnd Feuerholz (und die eine oder andere Blaubeere).

Inzwischen ist es sehr windig geworden. Das ist gut, wenn man seine Ruhe vor Spaziergängern haben will. Nicht so gut, wenn man Feuer machen will. Will ich mir denn jetzt noch diese Mühe machen? Ja, verdammt, ich wollte den ganzen Sommer über schon ein Feuer am Strand haben, hier ist vermutlich meine letzte Gelegenheit, also mache ich das jetzt. Auch wenn ich mir mein Sommerlagerfeuer mit Gesellschaft ausgemalt hatte. Alles muß man selber machen. Aber man darf auch. In einer Nische zwischen zwei Felsen und mit etwas Geduld bekomme ich tatsächlich ein Feuer zustande. Nachdem ich eine Weile triumphierend mein Werk betrachtet habe, regt sich mein Handy. Der Husky-Mann wünscht mir einen schönen Ausflug. Ich erzähle ihm vom Strand und vom Feuer, und er freut sich. Ich freue mich auch, und erhitze Bohnen mit Wildkräutern auf einem heißen Stein zum Abendessen.

Später läßt der Wind nach und ich kann mein Feuer auf einen Felsen direkt am Strand umziehen. Der Sommer war sehr geduldig mit mir und hat mir für meinen lange gehegten Übernachtungsplan so spät noch einen lauen Abend gegönnt. Alles ist überaus idyllisch. Dann geht auch noch dramatisch die Sonne unter, und ich steige auf den Hügel über meinem Strand, um mir das Schauspiel anzusehen. Die Aussicht ist nicht weniger als überwältigend. Ein Panorama aus kleinen Inseln mit Sandstränden und Felsen, im Hintergrund verschwinden hohe Berge in der Dämmerung. Darüber hängen dunkelgraue Wolken, am Horizont werden sie von der untergehenden Sonne rosa gefärbt, und der Himmel daneben leuchtet in Gelb- und Rottönen. Keine Menschenseele weit und breit, nur ein paar Vögel gleiten über die Inselwelt hinweg, und die Brandung rauscht gegen die Felsen. Diese Szene hätte sich niemand besser ausdenken können. Ich fühle mich wie in einem Gemälde von Caspar David Friedrich, nur besser. Genau hier will ich sein, genau jetzt, und dieses Erlebnis würde an Dramatik verlieren, wäre ich nicht ganz alleine. Ich bin vollkommen glücklich.

Irgendwann reiße ich mich von dem Anblick los, weil mir etwas ähnlich Perfektes wieder einfällt: mein kleines Lager unten am Meer. Ich beschließe, als absolute Krönung neben dem Feuer direkt am Strand zu schlafen. Kuschele mich in meinen gemütlichen Schlafsack, höre Wind und Wellen zu, und werde davon aufwachen, daß mir die Sonne ins Gesicht scheint.
 


 

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4 Kommentare leave one →
  1. Olli permalink
    September 1, 2011 10:35 pm

    Hallo liebe Ulrike,

    weil’s sonst keiner tut, muss ich Dich an dieser Stelle einmal loben.
    Ein wirklich interessanter Post diesmal, ich hab mich beim Lesen ganz nah dabei gefuehlt.
    Wohl auch, weil es fuer mich (und sicher viele andere auch) einfach sehr schwer vorzustellen ist, dass es auch in Skandinavien eine Art Sommer gibt, so mit warm, und draussen sein ohne zu erfrieden :)

    Nutze diese Zeit schoen und lass uns daran teilhaben.
    Wie lange hast Du denn noch vor, zu bleiben??

    LG,
    Olli

    • September 5, 2011 11:56 pm

      Lieber Olli,

      danke fuer die nette Rueckmeldung :)

      Wie lange ich noch vorhabe, zu bleiben? Sagen wir mal so: Ich habe nicht vor, hier jemals wieder wegzugehen.

  2. September 6, 2011 7:19 pm

    oh wow, das haette ich jetzt nicht gedacht!
    Freut mich, dass Du Deinen Platz gefunden hast,
    wir lesen immer gerne von Dir :)

  3. Marcel permalink
    Juli 7, 2012 3:38 am

    Mensch so tolle Sommertage hat man ja selbst im „warmen“ Deutschland selten.
    Oder liegt das an deiner malerischen Erzählung? ;)

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