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Zu erledigen: Sommer genießen

August 8, 2011

Zurück zum Alltag also, oder was ich hier so als Alltag bezeichne. Eigentlich lebe ich eher dauerhaft im Ausnahmezustand. Statt wie die meisten Menschen heutzutage einem ganztägigen Bürojob nachzugehen und abends fernzusehen oder Bier trinken zu gehen, arbeite ich unregelmäßig und eher unkonventionell, streune durch Birkenwäldchen und subarktische Sümpfe, verschwende nach wie vor viel zu viel Zeit im Internet und sehe vom Fenster aus die Bäume wiegen, die Wellen wogen und meine Moltebeeren reifen. Zwischendurch versuche ich immer wieder halbherzig bis verzweifelt, mir einen geregelten Tagesablauf anzugewöhnen. Dabei stehen mir mehrere Umstände im Wege.

Zum einen wäre da mein unberechenbarer Guide-Job, der mich schlecht langfristig planen läßt und mich oft aus der Bahn wirft. Nicht, daß ich lieber etwas anderes machen würde. Dafür bezahlt zu werden, interessante Orte zu sehen, mich selbst reden zu hören, mein Wissen, meine Erfahrungen und meine Begeisterung weiterzugeben und zufriedene und dankbare Menschen zu erleben, ist wunderbar. Außer vielleicht, wenn man am Vortag Bescheid bekommt (so weit, so „normal“) und dann nach acht Stunden Busfahrt und deutlich weniger Schlaf sieben Stunden lang die erst ein Mal flüchtig gesehenen Lofoten vorstellen soll. Das ist dann Hardcore-Guiding, und da war die Panik groß. Als dann aber die Leute kamen, ging es trotzdem irgendwie, es ging immer besser, und am Ende bekam ich nicht nur Trinkgeld, sondern sogar ausdrückliches Lob und gute Wünsche.
 

Zum anderen der Sommer mit seinem irren Licht und üppigen Grün. Wir haben hier oben nicht viel davon! Solange ich irgendwie über die Runden komme, werde ich es also vermeiden, mich für einen Vollzeitjob drinnen einzusperren. Es könnte ja sein, daß die Sonne rauskommt und es vielleicht sogar über 12 Grad hat! Dann nehme ich mir zum Beispiel vor, einfach nur durch die Inselmitte zum Hafen zu laufen, wo ich vor der Lofotenfahrt mein Fahrrad stehengelassen hatte. Etliche Kreuz-und-quer-Kilometer, Blau- und Moltebeeren und einen eingesumpften Fuß später frage ich mich dann, was ich eigentlich machen wollte, aber erlaube mir trotzdem den Luxus, nicht auf die Uhr zu sehen.

Ach ja, das Fahrrad! Zum Glück habe ich mein neumodisches Mountainbike zwei Monate nach meiner ersten Panikfahrt (siehe zweiter Teil hier) dann doch zu schätzen gelernt. Ich muß mich nur noch manchmal aktiv daran erinnern, daß ich keine Rücktrittbremse mehr habe, und inzwischen nutze ich sogar mehr als fünf verschiedene Gänge. Das ermöglichst es mir, kostenlos und unabhängig von den dünn gesäten Bussen die Brücke zur malerischen Nachbarinsel Kvaløya hinaufzuächzen und hinunterzusausen, um zu noch mehr Beerenjagdgründen und zu einsamen Sandstränden zu gelangen. Nach fast zwei Stunden Fahrradfahrt habe ich auch endlich stolz im Meer gebadet und mich dann von Sonne und Wind trocknen lassen. Dazu, ob ich weiter als bis zu den Oberschenkeln im Wasser war und ob ich es länger als 10 Sekunden ausgehalten habe, möchte ich mich nicht äußern.

Badengehen habe ich also für erledigt erklärt, auf meiner tatsächlich existierenden to-do-Liste für den Sommer. Barfußlaufen und im Gras liegen auch. So viele Blaubeeren pflücken, daß ich abends vor dem Einschlafen mit geschlossenen Augen Blaubeeren sehe, sowieso. Am Vorrätesammeln für den Winter arbeite ich; die Gefriertruhe füllt sich mit Beeren, die dunklen Stellen der Wohnung mit kopfüber aufgehängten Kräutersträußen, der Browser mit Tips zur Marmeladenherstellung.
Schnell noch eine Sommergrippe einfangen, bevor es Herbst wird, stand nicht auf meiner Liste, aber Mitleid habe ich ehrlich gesagt nicht verdient. Mit bereits triefender Nase fast 30 Kilometer radfahren, dann noch stundenlang beerenmampfend herumwandern, irgendwann abends beschließen, dass ich doch einfach im weichen Moos übernachten könnte, um zwei Stunden später zitternd aufzuwachen und noch irgendwie nach Hause kommen zu müssen, und sich am nächsten Tag irgendwie krank fühlen, fällt eindeutig unter „selbst schuld“.

Vielleicht wird ja mit der Dunkelheit etwas Vernunft einkehren, und ganz vielleicht sogar ein etwas alltäglicherer Alltag. Das wäre ein bißchen langweilig, aber auch viel weniger anstrengend.
 

 

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2 Kommentare leave one →
  1. August 11, 2011 3:44 pm

    :) Das hört sich alles sehr schön an. – Na ja, ok, die Grippe nich..

  2. Marcel permalink
    Juli 7, 2012 3:23 am

    Teilweise verleitet das schöne Wetter doch etwas zu jungendlicher Unvernunft. ;) Aber großen Respekt vor diesem tollem Block. Und vorallem deiner Offenheit uns deine Erlebnisse so persönlich detailiert und auf humorvolle Art dar zubieten. Da keimt dann doch ein wenig Neid auf. :p

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