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Eine Woche danach

Juli 30, 2011

Es war eine Zeit der wildwuchernden Floskeln, aber genau das haben wir hier gebraucht. Während also die ausländischen Medien dem amateur-modelnden Terroristen den Gefallen taten, ihn zu einer Art Superstar aus der Hölle zu stilisieren, und es nur eine Frage der Zeit schien, bis die BILD Autogrammkarten organisieren würde, kamen die norwegischen Journalisten recht schnell zur Besinnung.

Name, Gesicht, Frühstücksvorlieben und Propaganda des Täters wurden mehr und mehr ersetzt durch Namen, Gesichter und Geschichten von Betroffenen und heldenhaften Helfern, und durch die völlig zurecht bewunderten Auftritte von Ministerpräsident Stoltenberg und der Königsfamilie.
Aus anderen Ländern tönte es gleich, Norwegen sei mit seinem Konzept der offenen, vertrauensseligen Gesellschaft ja offensichtlich den falschen Weg gegangen und man müsse mehr verbieten und überwachen. Hier heißt es, wir sind den richtigen Weg noch nicht weit genug gegangen. Stoltenberg stellte umgehend klar, daß die einzig logische Vergeltung für einen Angriff auf Demokratie und Offenheit noch mehr davon sein muß. In einer lokalen Radiosendung mit einem Krisenpsychiater riefen Zuhörer an, die Dinge sagten wie: „Ich fühle eine Art Kollektivschuld, weil der Täter einer von uns ist, der keinen Platz in der Gesellschaft gefunden hat … Wir müssen uns besser um unsere Kinder kümmern und alle integrieren – wir müssen darauf aufpassen, daß sich schon in den Kindergärten und Schulen alle angenommen fühlen und niemand außen vor bleibt“.
Selbst die Boulevardzeitungen nutzten ihre meterhohen Überschriften für konstruktive Parolen. „Liebe ist stärker als Haß“. „Freiheit ist wichtiger als Angst“. „Wir müssen jetzt zusammenhalten und füreinander dasein“. Es wurde überall davon berichtet, wie alle weinten. Die Kronprinzessin, die Polizei, der Ministerpräsident, die Schwerverbrecher, bei denen der Täter jetzt erst einmal für vier Wochen in Isolationshaft sein wird. Das war nicht Sensationsgier, sondern Unterstützung bei der Trauerarbeit. Es war sehr tröstlich und wichtig zu wissen, daß es allen so ging. Ich hatte mich vorher gerne mal über den skandinavischen Gemeinschaftswahn lustiggemacht, aber in den letzten Tagen war ich im positivsten Sinne davon überwältigt.
Also hörte auch ich auf den Rat, miteinander zu reden, aufeinander aufzupassen, nach den Nachbarn zu sehen… Und fand auch den Husky-Mann tief schockiert, trauernd und mitteilungsbedürftig vor. Zum ersten Mal seit langer Zeit saß ich wieder mit ihm auf seinem Sofa, wir tranken Tee und redeten, bis es plötzlich spät war. Am Montag gehörten wir zu den 5-10000 Menschen, die sich bei strömendem Regen in der Innenstadt versammelten. Nach langer Wartezeit, weil gar nicht genug Platz für so viele Menschen war, zogen wir langsam durch die Straßen. Ursprünglich war ein Fackelzug geplant gewesen, aber es überwogen Blumen. Man sah auffallend viele junge Leute, und einigen sah man an, daß sie auf Utøya gewesen waren oder Freunde verloren hatten. Der Husky-Mann ging dankbar auf die neugierigen Blicke eines kleinen Mädchens ein und alberte mit ihr herum. Dann sang er halblaut durch die Straßen „We’re one, but we’re not the same, we get to carry each other, carry each other“. Ich schämte mich ein bißchen dafür, mich ein bißchen für ihn zu schämen, denn er hatte ja recht. Später blieb ich ihm zuliebe für den Gottesdienst, der wegen des Andrangs im Freien abgehalten wurde. Auf der kleinen Altarbühne wurde der Zusammenhalt gegen Gewalt, Terror und Angst beschworen. Um zu zeigen, daß sich die Solidarität nicht auf das eigene Land beschränkt, wurden Spenden für Ostafrika gesammelt. Wie später in der Zeitung zu lesen war, kam eine Rekordsumme von 80000 Kronen zusammen.

Inwischen geht es behutsam zurück in den Alltag, auch wenn mir trotz des Sonnenscheins noch viele bekümmerte Gesichter auffallen. Im Radio werden wieder fröhlichere Lieder gespielt. Die Zeitung riet allen, die jetzt noch stark leiden, psychologische Hilfe aufzusuchen. Die Opfer sind alle identifiziert, und ihre Namen wurden schrittweise von der Polizei bekanntgegeben, in den Zeitungen abgedruckt und in den Radionachrichten aufgelistet. Man mochte gleich wieder weinen, wenn man ihr oft unerträglich junges Alter hörte. Im Wunsch-Programm wurde „We shall overcome“ gespielt. Das Rote Kreuz meldete, nach den Tragödien in Oslo und auf Utøya hätte sich fast einen ganzen Tag lang ein neuer Blutspender pro Minute registriert. Die Jugendorganisationen aller Parteien verzeichneten einen starken Mitgliederanstieg. Interviewte Moslems erzählten, daß sie mehr angelächelt wurden, und sogar auf Gedenkveranstaltungen von „ethnischen Norwegern“ umarmt. Die Arbeiterpartei, die der Täter bekämpfen wollte, sprach von überwältigend vielen Unterstützungs- und Interessensbekundungen und hat in der jüngsten Meinungsumfrage stark zugelegt. Das Facebook-„Event“ für das Utøya-Camp 2012 hat schon über 1000 Teilnehmer. Der Täter, der es nicht verdient, beim Namen genannt zu werden, hat auf ganzer Linie verloren.
 

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5 Kommentare leave one →
  1. Juli 30, 2011 11:45 pm

    Danke.

  2. Anonymous permalink
    August 2, 2011 9:50 pm

    Liebe Ulrike, auch ich habe mal Tromsö besucht und mich an Ort und Stelle in Norwegen verliebt. Irgendwann habe ich deinen Blog gefunden und jeden Beitrag mit Freude und ein bißchen Neid gelesen, denn ich wohne (noch) in Deutschland. Für alle Berichte aus der Arktis, aber ganz besonders für den letzten, möchte ich mich herzlich bedanken. Es ist schön, dass es Menschen gibt wie dich, die die norwegische Botschaft – die Reaktion auf die Attentate über die Landesgrenze und das Niveau der deutschen (Boulevard-)Presse hinaustragen. Danke und viele Grüße in den fernen Norden.

  3. sigurros permalink
    August 4, 2011 9:33 am

    Danke für deine Blogeinträge. Ich kann mir vorstellen, dass es für dich als Neu-Norwegerin und die NorwegerInnen tatsächlich wie ein Phantomschmerz ist. Ein Schüler aus der Schule an der ich war, ist auch unter den Toten. Alle sind schrecklich traurig. Ich finde den Umgang Norwegens damit, den du so treffend beschrieben hast, vorbildich und durch und durch wichtig und richtig. Diese „von oben “ herab vieler ausländischer Medien, die keine Ahnung von Land, Geschichte und Mentalität haben, ist schlimm und arrogant. Deine Artikel hätten mal in den Tageszeitungen stehen sollen :) Ich hoffe so sehr, dass Norwegen vertrauensseelig bleibt, denn das ist das, was ich so bewundert habe und selbst wieder nach Hause mitgenommen habe. Es wäre so schade, wenn das verloren geht oder belächlet wird.

  4. August 8, 2011 3:46 pm

    Vielen Dank an Euch, fuer die Blumen und die Anteilnahme. Schoen zu wissen, dass meine Berichte ein paar Leute da unten interessieren ;-) Ich hatte ueberlegt, so einen Artikel jetzt.de (oder gar einer „richtigen“ Zeitung) anzubieten, aber die wollen ja offenbar keine „schwierigen“ Themen von mir… Ausserdem hatte das allgemeine Interesse im Ausland ja schon nachgelassen, als ich meine Sprache wiederfand.
    Gruesse in den Sueden!

  5. August 19, 2011 1:28 pm

    bravo.

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