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Lagebericht

Juli 25, 2011

Eigentlich sollte das ein fröhlicher Eintrag werden. Darüber, wie ich den schwindenden nordischen Sommer noch einmal in vollen Zügen genieße. Wie ich mich mit meinem neumodischen Mountainbike angefreundet habe und auf Entdeckungsfahrten gehe. Wie ich beeindruckten Touristen Huskies, Polarhelden und die Lofoten zeigen durfte. Dann tauchte aus dem Nichts ein kranker Typ auf und zerschoß dem ganzen Land die Laune, einen Teil seiner engagiertesten Jugend und langfristig wohl die unbeschwerte Grundeinstellung, für die es bewundert, belächelt und beneidet worden war.

Ich saß im Bus auf dem Rückweg von den Lofoten, bestaunte die unglaubliche Landschaft und unterhielt mich mit einer lieben Kollegin. Wir beglückwünschten uns selbst für die Wahl unserer Wahlheimat, kamen von Moltebeeren über Segeln und das Ninja-Kind meines Vermieters auf Kinder zu sprechen, auf Zeltlager und Engagement in der Jugendarbeit. Ich erzählte, wie wichtig damals meine Jugendgruppe und die jährlichen Zeltlager für mich waren, wie viel sie mir erst als Kind und dann als Betreuerin gegeben hatten, und wie ich überlegte, hier in Norwegen wieder aktiv zu werden, vorzugsweise in einer nichtkirchlichen Organisation. Während der Lofoten-Tour hatten wir kaum Schlaf bekommen, und irgendwann dösten wir ein. Dann hörte ich im Halbschlaf, wie die wachen Kollegen ungläubig Details austauschten. Auf einer kleinen Insel, da könne niemand weglaufen. Das Jugendlager der Arbeiterpartei. Vielleicht 25 bis 30 junge Leute erschossen. Ich starrte meine Sitznachbarin an. Dann sah ich weg, weil mir Tränen in die Augen schossen. Ich war in einem Paradies eingeschlafen und in einem Albtraum aufgewacht.

„Es ist extrem nahe und unwirklich schmerzhaft, wie Phantomschmerzen auch für uns, die es „nur“ durch die Medien erleben“, beschreibt es der Schriftsteller Roy Jacobsen in der Aftenposten.

Nach zwei Tagen voll betroffenem Schweigen, hilflosem Nachrichtenlesen, beruhigendem Verstandenwerden und ablenkender Albernheit finde ich gerade meine Sprache wieder. Ob ich jetzt den fröhlichen Eintrag vergessen werde? Ob sich in Norwegen jetzt alles ändern wird? Das würde diesem Typen so passen. Das war genau sein Plan. Aber wie die Regierung das gleich stellvertretend klarstellte, niemand wird uns stillschießen, und das Norwegen von morgen wird wiederzuerkennen sein. Ich bin stolz auf die Reaktion der norwegischen Politiker, die den Angriff auf Demokratie und Offenheit statt mit „Härte“ mit mehr Demokratie und Offenheit schlagen wollen. Ich bin stolz auf die Menschen, die zusammenhalten und die Antwort einer Überlebenden auf die CNN-Frage nach Rachewünschen aufgreifen (Vorsicht, Kitsch-Alarm): „Wenn ein einziger Mensch so viel Haß zeigen kann, wie viel Liebe können wir dann alle zusammen zeigen“. Ich bin stolz auf die Privatpersonen, die ihr Leben riskiert haben, um die fliehenden jungen Leute aus dem Wasser zu ziehen oder sogar auf der Insel abzuholen – darunter auch deutsche Urlauber. Und ich bin irritiert von einigen nichtnorwegischen Freunden und Bekannten hier, die das Ausmaß meiner Betroffenheit nicht verstehen.

Mir ist klargeworden, wie norwegisch ich mich schon fühle. Es ist ein kleines Land, in dem man sich leicht mit allen verbunden fühlt, und ich will hier bleiben und mir und uns eine Zukunft aufbauen. Ich hoffe inständig, daß diese „jetzt erst recht“-Stimmung gewinnt und sich noch mehr Menschen für das einsetzen, was diesem Irren so Angst macht: eine Gesellschaft, in der große blonde Narzißten, kleine verschleierte Musliminnen und alle anderen in Frieden leben können.
 

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5 Kommentare leave one →
  1. Anonymous permalink
    Juli 28, 2011 5:18 pm

    Find ich gut! und ich verstehe auch nicht, wie jemand deine Betroffenheit nicht versteht! Hab sofort an dich gedacht, als ich die ersten Nachrichten aus Norwegen gesehen habe. Ich würde mich trotzdem freuen von den schönen Erlebnissen zu lesen! Dein Blog hat es inzwischen auf meine startseite geschafft!

    Herzallerliebste Grüße!

    PS: warst du eigentlich schonmal angeln? ich habe ein paar gute hecht rezepte;-)

  2. Anonymous permalink
    Juli 28, 2011 5:19 pm

    Achso, ich bin übrigens Karo;-)

    • Juli 29, 2011 10:47 am

      Hallo Karo :-)

      Dankeschoen! Die schoenen Erlebnisse werden auch wieder kommen.
      Das Hauptargument, das mir entgegenschlug, war halt, dass in vielen anderen Laendern auch schlimme Dinge passieren. Das ist natuerlich recht schwer rational zu entkraeften.

      Angeln gehen wuerde ich auf jeden Fall – wenn ich nicht Vegetarierin waere ;-)

  3. Anonymous permalink
    Juli 29, 2011 9:39 pm

    Ich habe an dem Abend über ne Stunde lang die Live-Berichterstattung von der BBC gesehen.. sowas kann man nicht beschreiben. Hier in Deutschland verstehen sie nicht, wie die Norweger ticken… allein die Reaktionen unserer Politiker im Vergleich zu Stoltenberg und seinen Kollegen.
    Um so mehr ist Norwegen ein Vorbild, dafür wie die Norweger mit diesem Wahnsinn umgehen. Aber da hast du einen wesentlich besseren Eiblick, du lebst dort oben.

  4. adrian permalink
    Dezember 13, 2013 3:20 pm

    Ok BBCschau Ich an ne coole Sendung ne
    ich findie seite voll cool ich schau da jeden tag rein weil wir in Erdkunde schon lange das Thema haben danke danke dank euch hab ichne 2 in Erdkunde bekommen dank an die Mitarbeitervon dieser Seite

    thx thx :D

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