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„Der Tag, der Norwegen verändern wird“

Juli 25, 2011

Für einen kleinen Einblick in die Sicht der Norweger habe ich hier mal den Aftenposten-Artikel des Schriftstellers Roy Jacobsen ungefähr übersetzt. Ich bin nicht mit allem, was er schreibt, komplett einverstanden, aber besonders für die (von mir) hervorgehobenen Passagen bin ich ihm sehr dankbar.

 
„So viel steht bereits fest – nichts wird mehr wie früher sein. An diesen Freitag wird man sich erinnern, so wie wir uns an das Attentat auf Kennedy erinnern, an 9/11, den Mord an Olof Palme, das Attentat in London… die nationalen Tragödien und Traumata anderer, die wir mit ihnen geteilt haben. Mit Abstand.

Dieser Abstand ist nun verschwunden. Das Unfaßbare ist geschehen – hier. Es ist gefährlich nah und unwirklich schmerzhaft, wie Phantomschmerzen auch für uns, die es „nur“ durch die Medien erleben. Für die zielgerichtete Niedertracht, mit der diese Untat ausgeführt wurde, gibt es keinen Vergleich in der Geschichte. Sie ist beispiellos.

Völlig unwahrscheinlich.

Und in den kommenden Tagen und Wochen ist es wichtig, genau daran festzuhalten, daß selbstverständlich herausgefunden werden muß, ob es Mängel bei Sicherheitsvorkehrungen und vorbeugenden Maßnahmen gab, aber wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, daß nicht einmal die durchkontrollierteste Diktatur abgedrehte Ideen und Handlungen Einzelner voraussehen und verhindern kann. Unsere großen Nationsgründer wußten das. Daß Sicherheit durch Demokratie und offene Debatte geschaffen wird, durch ungeschriebene Gesellschaftsverträge und gegenseitiges Vertrauen, nicht durch Stacheldraht und Überwachungsmaßnahmen. Die Debatte um unsere sogenannte Naivität wird natürlich neue Nahrung bekommen, die Debatte um die Verwundbarkeit und Prämissen der offenen Gesellschaft – und das ist eine wichtige Debatte, die nie nachlassen darf.

Doch das Wichtigste ist, wenn sich unser Land nun verändert, können wir selbst die Richtung bestimmen – ob wir uns in eine härtere hineinprovozieren lassen, von einem irren Nationalisten ohne Nation, oder ob wir unseren eigenen Weg wählen.

Wir haben eine Wahl.

Wir haben sie schon lange getroffen, indem wir einen Kreis um die Verletzten und Angehörigen gebildet haben, indem wir versuchen, nach unserem bescheidenen Vermögen teilzuhaben in dem unmöglichen Prozess, in dem sie sich befinden. Wir sehen die heldenhaften Jugendlichen vor uns, die füreinander aufstanden und einander unter Einsatz ihres eigenen Lebens halfen, als der Terror sie traf; wir fühlen Stolz und Anerkennung für die Freiwilligen, die in Scharen kamen, über die Mengen an Polizei, Hilfsmannschaften und Gesundheitspersonal, die in den letzten Tagen weit mehr als ihre Pflicht getan haben. Wir stellen mit Dankbarkeit fest, daß sie alle uns gezeigt haben, was wir schon wußten, worüber wir aber vielleicht nicht immer nachdenken, daß das norwegische Volk im Grunde ein solidarisches und zivilisiertes Volk ist, ein Volk mit der Fähigkeit zu mitmenschlichem Denken und Handeln.

Wir wissen, wer wir sind, und wofür wir stehen. Das, was wir in diesen Tagen im Fernsehen sehen, auf den Websites und Zeitungsseiten, ist die Seele des norwegischen Volkes. Wir sehen Führungspersönlichkeiten, die reden, fühlen und denken können. Wir sehen Betroffene und Angehörige in würdevollem, verzweifeltem Leiden. Wir sehen Medien, die Umsicht zeigen. Wie der Außenminister gestern sagte: das Norwegen, das aus dieser Katastrophe herauskommen wird, wird wiederzuerkennen sein.

Alles deutet darauf hin, daß er rechthaben wird. Genau deswegen, weil wir im Innersten verstehen, daß das, was wir erlebt haben, nicht die Symptome einer kranken Gesellschaft sind, sondern die katastrophalen Folgen eines verdrehten Verstandes – und schließlich: die Widerstandsfähigkeit einer lebendigen Demokratie. So wird der Täter an allen Fronten verlieren.“
 

(Aus dem Norwegischen übersetzt, ohne Garantie. Das Original ist hier zu finden.)

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