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3/4 Übermut, 1/4 Panik

Mai 12, 2011

Eigentlich sollte ich ja aus dem Alter raus sein, in dem man sich für unbesiegbar hält. Trotzdem hielt ich es für angebracht, eine explosive Mischung aus

  • Krankenbesuchen beim schniefenden und keuchenden Husky-Mann, der von einer schweren Grippe zwei Wochen außer Gefecht gesetzt wurde
  • Kleidung konsequent der (gewünschten) Jahreszeit statt der Witterung entsprechend
  • Schnee-Umverteilungsmaßnahmen von der Gartenfläche aufs schon sonnengewärmte Pflaster bis zur Erschöpfung
  • nach dem Duschen die nassen Haare einfach vom frischen Wind trocknen lassen
  • zu betreiben.
    Als ich dann zu meiner kindlichen Verwunderung zu schniefen anfing, fiel mir ein, daß ich jetzt aber auf keinen Fall krank werden durfte. Ich erklärte also umgehend Vitamin-C-Tabletten, Ingwer, Knoblauch und Zwiebeln zu Hauptnahrungsmitteln, um immunsystematisch aufzurüsten. Das ist ohnehin auch als Vorsorgemaßnahme sehr effektiv – dann kommt einem niemand zu nahe, so daß man nicht angesteckt werden kann.* Auf jeden Fall wurde ich tatsächlich nicht sehr krank und schaufelte schon bald wieder Schnee. Mein energischer Einsatz lohnte sich – meine Gartenfläche ist jetzt größtenteils freigelegt, und ich habe auch schon fleißig gepflanzt: eine keimende Knoblauchzehe. Sie lebt noch (Stand: Donnerstag morgen). Wahrscheinlich werde ich mich bald von der überoptimistischen Langzeitwettervorhersage einlullen lassen und noch mehr unschuldige Pflänzchen einem arktischen Überraschungsnachtfrost entgegenschicken.

    Allzu viel Zeit habe ich aber gerade nicht mehr für Gärtnern und zu leichtbekleidetes In-der-Sonne-rumhängen: Weil ich ja für meinen sagenhaften Orientierungssinn, mein Interesse an Architektur und Geschichte, mein Organisationstalent und meine Extrovertiertheit bekannt bin (man denke sich hier das schallende Gelächter aller, die mich kennen), habe ich beschlossen, daß ich jetzt Touristenführer werde. Deswegen mache ich gerade einen sogenannten Intensivkurs mit einer bunt zusammengewürfelten Meute, über die ich lieber nichts Böses schreiben sollte, weil fast alle von ihnen Deutsch verstehen. So schlimm sind sie aber auch gar nicht.**
    Der Intensivkurs besteht im Wesentlichen darin, daß man Privatführungen für sämtliche Museen und Sehenswürdigkeiten bekommt und Text auswendig lernen und dann so aufsagen muß, daß es nicht wie auswendig gelernt klingt. Nein, ich bin heute nur total lustig. In Wirklichkeit ist es ein Haufen Arbeit, wenn auch durchaus interessant.

    Und weil ich lichtüberschußbedingt immer noch Tatendrang übrig hatte, habe ich mir ein nagelneues Mountainbike gekauft. Mit 21 Gängen. Im Supersonderangebot. Das hat mich wieder sehr religiös gemacht, oder zumindest dachte ich nur noch „ohgottohgottohgott“, als ich es ausprobierte. Man muß wissen, daß ich bislang ausschließlich die guten alten Fahrräder, die man noch als „Drahtesel“ bezeichnen konnte, gefahren hatte. Leicht rostig, aber solide, drei bis fünf Gänge (mit fünf kam ich mir schon ganz modern vor), und ganz wichtig: Rücktrittbremse. Schon als Kind fand ich diese immer beliebter werdenden Handbremsen am Lenker äußerst suspekt und wollte nie so ein neumodisches Ding haben. Als ich doch mal eins fahren mußte, bekam ich fast einen Nervenzusammenbruch, weil ich bei jedem Bremsversuch erst mal ins Leere trat.
    Was um alles in der Welt mich dann dazu bewegt hat, mir so ein Gerät zu kaufen? Ich glaube, der sich ankündigende Polartag hat mich umnachtet. Ich hörte von diesem Angebot, ging spontan in den Laden, und kaufte mir ein verdammtes neumodisches Mountainbike. Mit 21 Gängen. Ohne Rücktrittbremse. Setzte mich drauf, fuhr los und dachte „Ohgottohgottohgott was wenn ein Auto kommt oder eine Kurve ich hab keine Rücktrittbremse ich muß vorne bremsen ich muß vorne bremsen oder eine Steigung wie schalte ich eigentlich die ganzen Gänge ohgottohgottohgott ichhabkeinerücktrittbremseichhabkeinerücktrittbremseichhabkeinerücktrittbremse ohgottohgottohgott“. Ich schaffte es, die Gangschaltung zu kapieren – zumindest die auf der rechten Seite, da waren nur sieben Gänge, das überforderte mich nicht so sehr. Leider klickten die aber irgendwie alle sehr bedrohlich, und ich hatte ständig Angst, daß die Kette runterspringen würde. Ich hielt krampfhaft die Bremshebel umklammert und sagte mir immer wieder vor, daß ich die benutzen mußte und nicht den Fuß. Ichhabkeinerücktrittbremseichhabkeinerücktrittbremse… Als ich eine Straße überquerte, wurde ich trotzdem um ein Haar von einem Auto angefahren – und das Haar, das mich rettete, war nicht meine Bremsreaktion (die selbstverständlich aus einem Tritt ins Leere mit anschließender Verwirrung und Panik bestand), sondern die langsame Geschwindigkeit des Autos und die Bremsreaktion des Fahrers. Ohgottohgottohgott.
    Mit Schweißsturzbächen auf der Stirn zu Hause angekommen lehnte ich das furchterregende Gefährt an die Wand. Unabgeschlossen. Und ignorierte es drei Tage lang angestrengt. Dann beschloß ich, es zurückzubringen. Es war schon wieder so ein wahnsinnig toller Frühlingstag, die Temperatur solide im Plusbereich, und die Sonne schien hinterhältig auf mein Hirn. Ich trat vorsichtig in die Pedale und hielt die Hände bremsbereit. Irgendwie klickten die Gänge nicht mehr ganz so bedrohlich. Ich ließ mich konzentriert den leicht abfallenden Radweg hinunterrollen und probierte immer wieder die Bremsen aus. Vielleicht könnte ich mich ja doch daran gewöhnen, bevor ich überfahren würde. Ich erreichte die Kreuzung vor dem Laden mit den Fahrrädern und bremste ohne Tritt ins Leere. Zögerte. Nahm die Straße zum Supermarkt, kaufte vier Töpfe mit Kräutern für meinen Garten und fuhr mit triumphierendem Lächeln nach Hause.

    Und die Zeit der Mitternachtsonne hat noch gar nicht richtig begonnen.

    * Hat aber nicht geklappt, es haben sich trotzdem Leute freiwillig neben mich gesetzt und sich sogar mit mir unterhalten.

    ** Mein Charme wird mir sicher Trinkgelder einbringen.
     

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    2 Kommentare leave one →
    1. Tobias permalink
      Mai 14, 2011 2:58 pm

      Haha! ;)

      Herrlich zu lesen :)

    Trackbacks

    1. Zu erledigen: Sommer genießen « Neues aus der Arktis

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