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Ein unerwartetes und eher so mittelfeierliches Osterfest

April 28, 2011

Da bin ich wieder. Und was auch da war: der Frühling, der Vermieter, und mit ihnen das fließende Wasser in meiner Hütte. Was bleibt: das Wasser. Was sich wieder verabschiedete: der Vermieter (ohne den neuen Wasserhahn zu installieren) und der Frühling – es schneit wieder bei knapp über 0 Grad. Dafür hatte sich das Wetter über Ostern richtig angestrengt, mit bis zu 12 Grad. PLUS!

Nachdem ich am Samstag endlich meinen Job erledigt hatte, hatte ich mir vorgenommen, Ostersonntag und -montag so richtig entspannt anzugehen. Keine Arbeit, kein Internet, einfach nur in Ruhe zu Hause bleiben. Nach dieser anstrengenden Woche hatte ich mich so richtig darauf gefreut, einfach mal wieder gepflegt gar nichts zu tun.
Samstagnacht, als ich schon geschlafen hatte, piepte dann eine SMS: mein Herr Vermieter verkündete, seine Frau wolle morgen gegen 12 vorbeikommen und Sachen ausräumen, und er wolle am Montag den neuen Wasserhahn installieren. Ich traute meinen müden Augen kaum. An OSTERN?! Nicht, daß ich religiös wäre, aber Feiertage sind mir dann doch heilig.

Zum Glück war ja gutes Wetter angesagt. Ich packte also ein Mittagessen, Schokolade, einen Apfel und eine Thermoskanne mit Tee in meinen Rucksack und floh. Spazierte durch das feiertäglich ruhige Innere der Troms-Insel, in dem Ski- bzw. Wanderwege durch lichtes Waldgebiet führen. Der Großteil der Landschaft war immer noch von tauendem Schnee bedeckt, aber es gab schon braun-grüne Tupfer. Ich suchte mir eine Oase in der Schneewüste, in der schon Moos, Flechten, immergrüne Preisel-, Krähen- und Wacholderbeersträucher freilagen.

Um meine grüne Insel zu erreichen, mußte ich allerdings durch tauenden Tiefschnee stapfen, was meine billigen Gummistiefel nicht mehr mitmachten. Mit einer Mischung aus Fluchen und Kichern rettete ich mich auf den relativ trockenen Moosboden, schüttelte den Schneematsch aus den Stiefeln, legte sie zum Trocknen in die Sonne und tapste strümpfig durch meine Oase. Setzte mich auf einen herumliegenden Ast und packte Tee und Essen aus. Blickte mich immer wieder begeistert um. Ich saß im Grünen! Nachdem hier seit fast einem halben Jahr alles weiß gewesen war, war das eine echte Wohltat. Wenn der frische Wind etwas abflaute, fühlte es sich fast warm an. Es war auch wirklich höchste Zeit, daß es Frühling wurde. Ich ließ mich ins Moos fallen und lag eine ganze Weile dösend in der Sonne.

Lange war mir dieses Glück allerdings nicht vergönnt. Eine hartnäckige Wolkenschicht schob sich vor meine Sonne, und vorbei war es mit der Frühlingswärme. Ich überlegte gerade, ob ich mich langsam auf den Rückweg wagen könnte, als mein Handy piepte. Mein Vermieter schrieb, sie seien etwas spät dran, aber seine Frau werde in einer halben bis Dreiviertelstunde bei mir sein. Na ganz toll. Ich schrieb zurück, daß ich picknicken sei, weil ich meine Ruhe haben wolle. Wies darauf hin, daß Ostersonntag sei, und daß sie lieber etwas Schönes mit ihrem kleinen Sohn unternehmen sollten. Steckte seufzend das Handy ein. Was nun? Es wurde unangenehm kühl. Meine Füße waren naß. Ich war müde. Ich wollte einfach nur irgendwo einen ruhigen Tag haben. Sollte ich beim Husky-Mann um Asyl bitten? Aber es war doch Ostersonntag. Wenn er mich nicht eingeladen hatte, wollte er sicher seine Ruhe haben. Das wollte er ja ohnehin meistens, der alte Öhi.

Auf jeden Fall sollte ich einen Weg zur großen Bushaltestelle finden, wo es einen beheizten Warteraum gab, und vielleicht sogar trotz des hohen Feiertags ein paar Busse. Ich lief also wieder Richtung Zivilisation. Die Straßen waren fast wie ausgestorben. Die noch müden Grasflächen am Straßenrand waren gelb getupft vom Huflattich, der ersten Pflanze, die sich hier nach dem Winter herauswagt.
Schließlich erreichte ich die Bushaltestelle und entschied, einfach in den nächsten Bus einzusteigen. Wenn er in meine Richtung fahren würde, würde ich den Husky-Mann anfunken und fragen, ob wir vielleicht zusammen unsere Ruhe haben könnten. Wenn nicht, würde ich einfach irgendwohin fahren, vielleicht für eine Weile wo aussteigen, wo es mir gefiel, vielleicht einfach nur eine Rundfahrt machen.

Meine Antwort lautete 42 – eine der Linien zur Insel Kvaløya, die ich schon lange mal näher erkunden wollte. Dort wäre ich gerne ausgestiegen, um mich umzusehen und eine Runde meditativ aufs Meer zu blicken. Der Busfahrer, den ich nach einem geeigneten Ausstiegsort fragte, entschied allerdings, dass ich gar nicht aussteigen sollte, sondern ihm Gesellschaft leisten und mich mit ihm auf Deutsch unterhalten. Das war sehr amüsant, auch wenn es am Ende etwas ermüdend wurde. Als ich nach etwa zwei Stunden wieder meinen Ausgangsort erreichte, ließ ich den freundlichen Fahrer mit meiner Handynummer und vermutlich der falschen Hoffnung, er könne mich mit seinem alleinstehenden Sohn verkuppeln, zurück. Es war schon früher Abend, jetzt hatten diese respektlosen Heiden sicher endlich das Feld geräumt.

Als ich zurückkam, parkte allerdings immer noch ihr Auto in der Nähe, und eine Schuppentür stand offen. Ich verdrehte die Augen, entfernte mich eilig und beschloß, doch noch mein Glück beim Husky-Mann zu versuchen.
Auf dem Weg nach unten zum Meer sah ich mehrere Leute am Strand. Er feierte wohl mit anderen zusammen und wollte mich nicht dabei haben – sonst hätte er mir ja bescheidgesagt. Ich beschloß, dann eben noch eine Weile alleine spazieren zu gehen. Dem Husky, der vor dem Haus an seiner Kette döste, wollte ich aber trotzdem noch hallo sagen. Als ich dort angekommen war, tauchte sein Herrchen hinter einer Schneedüne auf. Ich hob die Hand zum Gruß, und er rief mir zu: „Hei, komm doch zu uns!“. Also folgte ich ihm hinunter zum Strand, wo er mit einem Sami-Freund und dessen Frau und Kleinkind auf Rentierfellen an einem Feuer saß. Er verkündete strahlend, daß er müde sei, weil er den ganzen Tag Walfleisch gegessen habe.

Ich streckte meine nassen Füße Richtung Feuer und bekam Extrajacken umgehängt, während man mir von Kautokeino, der Hauptstadt Lapplands in der weiten Tundra, und den anstehenden Sommer-Festivals vorschwärmte. Der Kleine mampfte zufrieden Würstchen mit Ketchup, argwöhnisch beobachtet von seinen Eltern. „Er soll eigentlich vegetarisch essen“, erklärte mir die Mutter, „und zwar Rohkost“. Der Versucher grinste spitzbübisch und drohte an, gleich noch Schokolade auszupacken. Das Feuer qualmte, und die Abendsonne zeigte sich. Was für ein Tag.

Nachdem die junge Familie vor dem schlechten Einfluß geflohen war und ich drinnen meine Füße an der Heizung weitertrocknete, schlang mein Arktis-Öhi seine Arme um mich und gab zu, daß er den ganzen Tag auf mich gewartet hatte. Ob er noch irgendwann lernen wird, daß Telefone zuverlässiger sind als Telepathie?
 


 

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5 Kommentare leave one →
  1. April 28, 2011 3:58 pm

    FROHE OSTERN! (nachträglich, quasi.)

  2. April 28, 2011 6:59 pm

    Oh. Ja! Frohe aehm Nach-Ostern glitzer und alle, die sich hier heimlich rumtreiben!

  3. April 29, 2011 5:04 pm

    Gar nicht heimlich, siehste ja.

    Ich find Deine Fotos total beruhigend und könnt sie stundenlang anschauen, die Farben nämlich gibts bei uns hier nicht. Wie seltsam. Staubgrüsse!

    • April 29, 2011 7:40 pm

      Na, DU doch nicht, du bist ja un-heimlich.

      Bisschen Staub faend ich gerade gar nicht so schlecht, hier matscht es immer nur. Aber tauschen wuerd ich ganz sicher nicht :)

  4. Mai 2, 2011 7:57 pm

    Hey Ulrike,

    schoen, wieder von Dir zu lesen.
    Sonnenstrahlen als Ostergeschenk, das ist doch schonmal nicht schlecht,
    wenn auch sicher noch zu steigern – selbst in Norwegen ;-)

    Gruesse
    Olly

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