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Unter Menschen

April 15, 2011

„Fühlst du dich da nicht einsam?“ – Das ist sicher die häufigste Frage, die ich seit meinem Umzug in ein relativ abgelegenes Häuschen am Nordmeer gestellt bekomme. Und die nervigste.
Wäre ich wohl hierher gezogen, wenn ich mich so leicht einsam fühlen würde? Ich brauche nicht ständig Leute um mich herum. Ich mag es sogar ausgesprochen gerne, morgens auf dem Weg ins Bad niemandem begegnen zu müssen, die Küche für mich alleine zu haben, keine neugierigen Nachbarn oder gar Passanten vor dem Fenster, kein Partylärm, wenn ich schlafen will. Dafür kann ich selbst zu jeder Uhrzeit so laut und falsch singen, wie es mir paßt, oder einfach nur mal hemmungslos schlecht drauf sein. Ich brauche nicht das Wissen, daß noch andere Menschen in der Nähe wohnen, daß theoretisch jemand da wäre, und ich habe auch nur selten Angst, wenn es dunkel ist oder ich seltsame Geräusche höre. Ich würde meine einsame Hütte für kein Geld der Welt gegen eine Stadtwohnung oder gar WG tauschen wollen.
Warum mich die Einsamkeitsfrage dann so nervt? Ich weiß es auch nicht genau. Hat wohl etwas damit zu tun, daß sie sich unterschwellig nach „Du bist aber komisch“ anhört. Danach, daß ich mich eigentlich einsam zu fühlen hätte, in so einer Lage. Vielleicht auch danach, daß ich zu bemitleiden sei. Auf jeden Fall danach, daß uns da etwas grundlegend trennt, mich und die meisten Menschen – und das macht mich dann tatsächlich etwas einsam.

Zur Zeit habe ich aber mal wieder einen Gast (doch, die kommen immer freiwillig!). Das ist gut, denn ich will schließlich nicht ganz so ein arktischer Alm-Öhi werden wie mein Husky-Mann. Der hatte mich übrigens in der Zwischenzeit dann doch wieder fast in die Wüste geschickt, woraufhin ich ihn ganz in die Wüste schicken wollte, und am Ende einigten wir uns darauf, daß wir beide doof sind und es also paßt.
Jetzt ist der Arktis-Öhi aber mit seinem Sohn unterwegs, meine Lieblingsfranzösin weilt für einige Wochen im Ausland, und mein Gast ist nur für einen kurzfristigen Blitzbesuch hier. Ich hatte also ein bißchen soziale Energie übrig, mit der ich mich endlich um eine vernachlässigte Bekanntschaft kümmern konnte. Das ist nämlich immer schwierig bei mir – mehr als zwei Freundschaftsbaustellen in einer Stadt scheinen mich zu überfordern. Überhaupt bin ich gar nicht gut im Freundefinden; ich werde nur manchmal gefunden. Es ist also nicht so, dass ich diese Erasmus-Schottin, die ich am gleichen Abend kennengelernt habe wie die Lieblingsfranzösin, weniger nett fand. Meine Französin war aber hartnäckiger. Und so hatte ich mir seit letzten Herbst vorgenommen, mich mal richtig mit der Schottin anzufreunden, aber irgendwie schaffte ich es nie, mich zu melden. Aber ich wußte, daß sie in einem Café arbeitet, das ich mir ja auch schon seit letzten Herbst ansehen wollte. Ich beschloß, daß es nun an der Zeit war, ein bißchen soziale Initiative zu ergreifen. Manchmal mache ich das nämlich, und meistens bin ich dann froh darüber.
Tatsächlich war mein Café-Abend eine gute Idee. Die Erasmus-Schottin war immer noch sehr nett, und zwei ihrer Kollegen verwickelten mich gleich in ein Gespräch. Was ich hier mache, wie lange schon, wie lange noch, wo ich wohne, echt, alleine..? Ich erklärte ihnen trocken, ich sei eine Einsiedlerin und ein bißchen asozial. Das wollten sie mir nicht so recht glauben. „Aber sie dort drüben, seid ihr nicht Freunde?“, fragte einer, auf die Erasmus-Schottin deutend. Ich sah etwas hilflos zu ihr herüber: „Naja, theoretisch schon, glaube ich“, und sie lachte. Zum Abschied drohte/versprach sie dann, mich mal wieder aus meiner Höhle zu zerren.

Weil ich gerade eine überaus soziale Phase hatte, besuchte ich auch noch ein „lunch meeting“ mit Vorträgen internationaler Experten und Diskussion zur Zukunft der Arktis angesichts von Erdölförderung etcetera. Als ich, etwas zu spät erscheinend, weil ich nach dem Weg fragen mußte, enthusiastisch und mit breitem Grinsen von einer Handvoll Leute empfangen wurde, fragte ich mißtrauisch, ob ich der einzige Gast sei. Man bejahte mit einer Mischung aus Verlegenheit und Erheiterung. Man habe das mit der Bekanntmachung des Treffens irgendwie verpaßt (ich hatte zufällig einen kleinen Aushang vor der Bibliothek gesehen und mich spontan zum Hingehen entschlossen), und konkurriere außerdem mit einer größeren Veranstaltung… Ich ignorierte den Fluchtreflex und tat mein Bestes, als Einzelne, frisch aus dem Ausland Zugezogene, die Lokalbevölkerung zu sein. Es wurde eine sehr spaßige Sache, und es kamen sogar interessante Diskussionen zustande. Zum Glück war ich ja nicht ganz uninformiert, und die Vortraghaltenden kannten ihre Themen gegenseitig noch nicht auswendig. Jetzt habe ich noch ein paar Visitenkarten aus Alaska, Grönland und Oslo für meine Sammlung, und das Versprechen der netten Mitarbeiterin eines norwegischen Umweltverbandes, mich zwecks Kontakten hier in Tromsö anzurufen.

Und! Wo ich gerade bei netten Menschen bin: Ich bin jetzt stolze Besitzerin einer deutschen Telefonkarte und dreier Haribo(?)-Schlümpfe, dank der lieben sigurros, die hier manchmal kommentiert. Und dann hat mich auch noch ein ganz entzückendes Päckchen von der wahnsinnigen Sartje erreicht. Marzipan! Exotische Tees und Gewürze! Meine heißgeliebte dm-Creme! Alles von unschätzbarem Wert hier.

Um also noch einmal auf die Frage zurückzukommen, ob ich mich hier oben nicht einsam fühle: Nicht, solange es hartnäckige theoretische Freunde, Internet und Care-Pakete gibt.
  

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2 Kommentare leave one →
  1. Tobias permalink
    April 16, 2011 10:33 am

    So lässt es sich doch leben :)

  2. Verena permalink
    April 17, 2011 7:00 pm

    Die Erasmusschottin mag ich auch gerne… wie auch das Cafe, in dem sie arbeitet ;)

    – Womit wir auch endlich das mit den gemeinsamen Bekannten erledigt hätten, kommt man ja wirklich nicht drumrum.

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