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Leben ist das, was passiert…

März 31, 2011

Tja, dann also doch kein Buch über meinen abenteuerlichen Alltag hier. Er ist nicht abenteuerlich und nicht stereotypisierbar genug, bzw. ich habe zu wenig Lust darauf, mich mit Klischees auseinanderzusetzen, mir eine Meinung dazu zu bilden und diese öffentlich zu verkünden. Den nächsten überoptimistischen Literaturagenten werde ich wohl besser gleich wieder wegschicken.

Dafür hatte ich lieben Besuch aus Deutschland, der auch von meiner neuen Heimat sehr herzlich willkommen geheißen wurde. Der Wetterbericht hatte düster ausgesehen – genau wie in den Wochen zuvor. Der Abend nach ihrer Ankunft sollte der einzig klare der Woche sein, ansonsten nur Wolken und etwas Schnee. Die beiden würden also nur eine einzige Chance haben, das begehrte Nordlicht zu sehen. Ich machte mir keine großen Hoffnungen – ich hatte schon lange kein ordentliches mehr beobachtet, und die „Hochsaison“ ging auch eher bis Februar. Dementsprechend nahm ich auch gar nicht erst meine Kamera mit, als wir dann vom Fenster aus einen schwachen Schimmer am Himmel sahen und beschlossen, eine Runde rauszugehen. Auf dem Weg runter ans Meer, wo es noch weniger störende Lichtverschmutzung gab als bei mir, entwickelte sich ein schmaler grünlicher Bogen quer über den Himmel. Hübsch anzusehen und beeindruckend für meine Gäste, aber nichts, was mich alleine vor die Türe locken würde. Wir stapften durch den Schnee bis an den Strand und beobachteten den Himmel. Es begann, von mehreren anderen Seiten zu leuchten. Kleine weiße Flecken, die am Anfang noch kaum von Wolken zu unterscheiden waren, wuchsen zu glühenden Spiralen heran, streckten sich, gingen ineinander über und verblassten schließlich, während schon jemand rief: „Wow, da drüben, noch mehr!“. Ich fing an, zu bereuen, dass ich meine Kamera nicht mitgenommen hatte, aber viel Zeit blieb dafür nicht. Wir legten uns in den Schnee und bestaunten die Show. Der ganze Himmel war in Bewegung, überall leuchtete es, die Lichter wanderten, tanzten, drehten sich, schienen zu explodieren. Es war wie ein stilles Feuerwerk. Den üblichen grünlichen Schimmer und manchmal etwas mehr war ich ja schon lange gewohnt, von hier, von Island, von Grönland. In dieser Ausführung hatte ich meine Nordlichter aber ehrlich gesagt auch noch nie gesehen. „Willkommen in der Arktis“, raunte ich meinen Gästen feierlich zu, „Sie scheint euch zu mögen“.

Als wir am nächsten Tag Fjellheisen, die Bergbahn zu einem gemütlichen Cafe/Restaurant nahmen, strahlte die Sonne von einem nur sehr fluffig bewölkten blauen Himmel auf die Stadt, die Berge und das Meer. Auch für den Rest der Woche mußte der Wetterbericht immer wieder kurzfristig zum Positiven hin berichtigt werden. Das Wetter schien sich ordentlich ins Zeug zu legen für meine Freunde, aber sie wollten dann trotzdem wieder zurück in den Frühling fliegen.

Danach waren Sonne und blauer Himmel offenbar aufgebraucht. Übrig blieben Wolken, Wind und Schnee in Massen. In diesem Fall, beschloss ich, war die albernste Idee die vernünftigste: Anstatt ständig dem Wind hinterherzuräumen, der riesige Schneedünen über meinen Pfad zur Straße häufte, verbrachte ich einen Tag damit, einen Tunnel durch den schlimmsten Teil zu graben (Bilder: hier!). Und den nächsten damit, bei dem Gedanken daran, wie ich morgens zur Arbeit gekommen war, still in mich hineinzukichern. Und Pläne zu schmieden, wie ich meinen Tunnel mit Türen versehen würde, die ich unter dem Schnee verbergen würde, damit niemand sie finden würde. Dann würden ungebetene Besucher ratlos vor dem Ende des Pfades stehen und das Haus nicht erreichen können. Ich würde mir eine Schneefestung bauen. Als sich die Düne über meinem Tunnel immer mehr zu senken begann, stapfte ich zur Sicherheit noch einen Umgehungspfad außenrum – aber schön unauffällig durch Bäume und Gebüsch, einen guten Meter über dem Boden, und ein ganzes Stück vor dem Ende meines Hauptpfades aufhörend, so dass er für Fremde nicht zu sehen sein würde. Da konnten jetzt Einbrecher kommen – aber nicht weit! Selbst, wenn sie meine Zugangswege finden würden, dürften sie wohl kaum über 1,65 m oder 60 kg sein, um sie benutzen zu können. Gut, dass mich sowieso gerade niemand besuchen kommen wollte… Dachte ich, bis eine Stunde „trouble shooting“ mit dem Internetanbieter ergab, dass ein IT-Mensch vorbeikommen mußte. Ob der wohl eine Gefahrenzulage berechnen würde..? Man weiß es noch nicht, und ich verbringe meine Tage immer noch in Bibliotheken und Cafes, um ins Internet zu kommen, und gehe erstaunlich früh schlafen.

Außerdem lerne ich langsam, mit meinem schwierigen Mit-Eremiten, dem Husky-Mann, umzugehen. Ich bekam bestätigt, dass der große elegante Vogel, den ich hier manchmal herumgleiten sehe, tatsächlich ein Adler ist – ein alter Seeadler. Und ich durfte völlig überraschend mal wieder einen Tag damit beginnen, daß ein wunderhübscher Husky mein Gesicht ablecken wollte und mein Handgelenk zwischen die Zähne nahm, um mich aus dem Bett zu ziehen.

…Während ich eigentlich damit beschäftigt war, andere Pläne zu machen.

 

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