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Alles für die Bürokratie

März 17, 2011

Die Miene meines freundlichen jungen Bankmitarbeiters wurde immer sorgenvoller, während er der Telefonstimme aus der Zentrale zuhörte. Dann erklärte er mir, man wolle mein Konto schließen, wenn ich nicht bald einen ordentlichen Paß vorzeigen könne. Warum mein vorläufiger Reisepaß, der noch bis Juni gültig war, nicht ordentlich genug war, konnte er mir leider nicht erklären.

Mein erster Gedanke war: na gut, dann werde ich eben einen kleinen Zwangsurlaub in Oslo bekommen. Der zweite: Aber… Was soll ich denn in Oslo? Ich will hier gar nicht weg. Das wird nur ein verdammt teurer Paß. Also buchte ich fluchend einen Flug nach Oslo und dankte der unbekannten Person, die dort in der deutschen Botschaft wahrscheinlich kurzfristig abgesagt hatte, so dass ich einen einzigen freien Termin im online-Kalender der nächsten Wochen vorfand und reservieren konnte. Weil ich mir neben Flugtickets, Paßgebühren, biometriescheißetauglichen Fotos etc. nicht auch noch ein Hostel leisten konnte, durchforstete ich stundenlang meine Gastfreundschaftsnetzwerke und versuchte, einen möglichst netten Eindruck bei fremden Leuten zu machen, damit sie mich vielleicht kurzfristig aufnehmmen würden. Nach einigen bedauernden Absagen und vielen ausbleibenden Reaktionen machte ich mich schon darauf gefaßt, die Nacht auf dem Bahnhof oder sonst irgendwo zu verbringen, als sich bei Couchsurfing jemand zurückmeldete. Eine WG etwas außerhalb der Stadt, bestehend aus einem chaotischen Haufen von Künstlern und (Ex-)Hausbesetzern. Na, das konnte ja heiter werden.

 

 
Einen Tag später, gegen Abend, saß ich dann im Flugzeug. Mißmutig über die Zeit- und Geldverschwendung, leicht panisch darüber, ob ich nicht doch irgendwelche wichtigen Dokumente vergessen hatte und noch einmal würde fliegen müssen, und mit einigem Grauen davor, auch noch diese komische WG finden und mit fremden Menschen sozial sein zu müssen. Nur weil der Überwachungsstaat meine Fingerabdrücke haben wollte. Nur weil die Bankenbürokratie einen vorläufigen Reisepaß nicht gut genug für ein simples kleines Konto fand. Und während ich noch mit Verwünschungen beschäftigt war, landete das Drecksding auch schon und spuckte mich Richtung Stadt. Wie ich Städte nicht mehr abkonnte! Überall Menschen und Autos und Krach und Beton. Alles viel zu groß. Ich irrte über eine halbe Stunde um den Bahnhof, bis ich die richtige Buslinie fand. Noch mehr Geld ausgeben für ein überteuertes Ticket.

 

 
An meiner Zielhaltestelle wurde ich ruhiger. Hier gab es nur eine Hauptstraße, viel Schnee, viele Bäume, und ein paar Häuser dazwischen. Schließlich erschien ein entspannt aussehender Typ mit blonden Dreadlocks und führte mich über ein paar hügelige Trampelpfade zu einer etwas heruntergekommenen Wohnung, die ähnlich mit Kisten und Krempel vollgestopft war wie meine. Wie ich später herausfand, waren das ebenfalls größtenteils Besitztümer des Vermieters.
Nachdem ich meine Sachen abgestellt und mit allem Enthusiasmus, den ich noch aufbringen konnte, hallo gesagt hatte, hatte ich dann keine Zeit mehr, mich unwohl zu fühlen. Weil ich nämlich viel zu warm empfangen wurde. Eine englische Dichterin bot mir Tee an. Der Dreadlock-Junge, ein kanadischer Musiker, bot mir Whiskey an. Ein italienisches Aktmodell wärmte mir Dosenbohnen auf. Alle stellten mir interessierte Fragen. Was ich denn da oben in Tromsö mache. Wie ich da gelandet sei. Wo ich vorher überall war. Ob die Nordlichter so ähnlich wie ein Acid-Trip aussähen. Ich vergaß, daß das nur eine blöde teure Bürokratiescheißreise war und ich gar keine Lust hatte, mich auch noch mit fremden Menschen herumzuärgern, während der Kanadier einen ausgedehnten Vortrag über die Vorzüge des Rauchens hielt, ich die bissige Hausschildkröte füttern sollte, und schließlich noch bis in die frühen Morgenstunden mit der Italienerin an ihrem Laptop Fotos ansah und blöd- bis tiefsinnige Gespräche führte.

 
Um 8:40 dann ziemlich übermüdet in der deutschen Botschaft. „Was, warum können Sie denn mit Ihrem vorläufigen Paß kein Bankkonto aufmachen? … Also das wär mir neu. Das ist komisch.“ – Mein Gesichtsausdruck ließ sich wohl am ehesten mit hmpf beschreiben. Aber wenigstens weiß ich jetzt, warum ich unbedingt mit dem Rauchen anfangen sollte, und kenne die unbequemsten Stellungen, um für Aktzeichnungen zu posieren. Und ich weiß, wo mir in Oslo eine Tür offen steht.

 

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2 Kommentare leave one →
  1. Verena permalink
    März 23, 2011 10:46 pm

    Wie gehts dir denn grade? Die Tage hast du hoffentlich die Flucht angetreten?!

    • März 23, 2011 11:57 pm

      Flucht? Huch, wieso das denn? Ganz gut gehts, nur bisschen windig ;)

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