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Ausflug ins Nachtleben

März 10, 2011

Seit Monaten schon hatten meine Lieblingsfranzösin und ich uns vorgenommen, hier endlich mal richtig tanzen zu gehen. Das Hauptproblem dabei: hier tanzt man nicht. Es gibt Salsa-Kurse, in denen man in kontrollierter Umgebung und mit klaren Regeln geplant temperamentvoll sein kann. Aber einfach so ungeordnet auf einer Tanzfläche? Um Himmels Willen! Manchmal glaube ich, die Norweger sind die besseren Deutschen.

Wir würden das also alleine durchziehen müssen. Letztes Wochenende hatten wir aber zum Glück Verstärkung: eine Freundin der Lieblingsfranzösin war zu Besuch. Eigentlich wollte ich am Samstagabend nur kurz vorbeikommen, um meine Wäsche abzuholen, endete aber schnell mit einer Tasse (mangels Motivation zum Abwasch) Rotwein auf dem Sofa. An dieser Stelle wäre wohl ein witziger Kommentar zum „Vorspiel“ angebracht, das sich im Norwegischen als Bezeichnung für das „Vorglühen“ vor dem abendlichen Weggehen eingebürgert hat. Meine beiden Französinnen hatten jedenfalls schon ohne mich vorgespielt und arbeiteten hart daran, einen annähernd norwegischen Pegel zu erreichen. Ich spielte in Anbetracht dieser harten Gegner lieber außer Konkurrenz. Es läge mir ja fern, zu behaupten, daß alle hier Alkoholiker seien. Ich kann nur berichten, daß der Husky-Mann mich umgehend heiraten wollte, als er erfuhr, daß ich mich nicht immerzu besaufe.

Gegen 11 hatten ich ein halbes Tässchen Rotwein und die beiden anderen den Rest der Flasche geleert, und wir zogen los. Erste Station: Verdensteatret. Das älteste Kino in Norwegen, das noch in Benutzung ist, mit einem sehr hübschen Cafe/Bar-Bereich davor. Stylishe Einrichtung, angenehme Beleuchtung, Regale voller Schallplatten, nette Barkeeper, gemischtes Publikum von blutjungen Punk-Band-Mitgliedern zu gesetzten älteren Ehepaaren. Die Besuchsfranzösin gab mir großzügigerweise einen furchtbar teuren Whisky aus, der irgendwie nach Sauna schmeckte. Das mußte ich unbedingt meinem whiskyliebenden Saunagenossen in Helsinki erzählen. Der Laden war ziemlich voll, aber die Musik nicht tanzbar. Wir blieben eine Weile an der Theke, die Französinnen machten ihrem Klischee alle Ehre und gingen ständig rauchen, manchmal ging ich mit vor die Tür und machte mich strafbar, indem ich mein Whiskyglas mitnahm. Raucher haben hier ein hartes Leben: drinnen darf man nicht rauchen, draußen keinen Alkohol trinken. Bitte jeder nur ein Laster auf einmal!

Wir beschlossen, weiterzuziehen, auf der Suche nach einer Tanzgelegenheit. Zweite Station: Blå Rock. Deutlich bariger als Verdensteatret, dunkler und voller Bandposter und anderer musikalischer Devotionalien. Und die Musik! Ich liebe alles, was in diesem Laden gespielt wird. Meistens hat es, wie der Name vielleicht vermuten läßt, etwas mit Rock zu tun. Wir erklärten die paar freien Quadratmeter neben der Bar kurzerhand zur Tanzfläche und hatten einen Riesenspaß. Nicht, daß sich irgendjemand davon anstecken ließ. Wir tanzten bis in die Morgenstunden und bis zur Erschöpfung, und niemand schenkte uns viel Beachtung. Niemand ließ sich von unserer Begeisterung anstecken. Allerdings kam auch – trotz des angesprochenen Durchschnittspegels – niemand auf die Idee, uns plump anzubaggern. Nicht einmal unplump. Leidenschaftslosigkeit in all ihren (fehlenden) Facetten.

Da mein letzter Bus längst weg war, landete ich schließlich wieder bei der Lieblingsfranzösin. Wir kochten Rührei, und die beiden wollten sich noch eine Fernsehserie aus dem Internet reinziehen. Also machten wir es uns unter einer großen Daunendecke auf dem Sofa gemütlich – und schliefen selbstverständlich sofort ein.
 

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5 Kommentare leave one →
  1. sigurros permalink
    März 10, 2011 10:36 pm

    Sehr erheiternd! und klingt nach einem guten abend. mir wurde hier auch schon gesagt, dass ich mich nicht wundern soll, wenn hier (in dem einzigen Pub des Dorfs) mal Tanz ist; denn Tanzen heißt hier „Swing“ oder Rock n roll oder beherrschter Salsa, aber kein Freitanz (?). ich freue mich auch schon, wenn ich endlich nach monaten irgendwann mal wieder angetrunken tanzen kann :) falls das erst in Tromsö sein sollte, weiß ich ja jetzt wo. und „swingt “ Tromsö, was auch immer das in meinem überbewerteten Reiseführer heißen soll?

  2. März 11, 2011 10:32 pm

    Suuuuper lustig! Ich liebe deinen Blog!!!! Mein Freund muss sich immer alles vorlesen lassen ;)
    Grüsse in die Kälte!

  3. März 17, 2011 10:41 pm

    Ah! Ein spaetes Danke euch beiden!

    Ob Tromsø „swingt“… Aehm. Ich glaube, da bin ich ueberfragt. Ich spreche nicht gut reisefuehrerisch. ;)

  4. Verena permalink
    März 22, 2011 1:58 am

    Es werden regelmäßig Swingkurse angeboten…?

    • März 23, 2011 11:56 pm

      Haha, das kann sein…

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