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Windkrank

März 3, 2011

Hier waren die Temperaturen zwischenzeitlich innerhalb von ca. zwei Tagen von -15 auf +5 gestiegen. Froh war darüber allerdings niemand, denn es ist klar, daß das nicht von Dauer ist und nur zu Matsch und rutschigen Straßen führt.
Inwischen ist es nicht mehr ganz so „warm“, aber dafür sehr windig. Eigentlich liebe ich Wind. Es gibt doch nichts Gemütlicheres, als drinnen bei einem Tee zu sitzen oder sich nachts ins Bett zu kuscheln, wenn es draußen stürmt, oder?

Tja, außer, das Haus ist so schlecht isoliert, daß der Wind durchpfeift und das Schlafzimmer so zugig ist, daß man morgens mit schmerzendem Nacken aufwacht und erst mal kaum den Kopf bewegen kann. Oder der Wind rüttelt so laut am Haus und in den Bäumen, daß man nachts aufwacht und nicht mehr schlafen kann. Blick auf die Uhr: 3:33. The number of the Beast’s teenage son? Blick aus dem Fenster: Der Himmel sieht bedrohlich aus, so seltsam milchig-rötlich, aber immerhin steht das Haus noch am selben Fleck. Zurück ins Bett sinken, umdrehen und weiterschlafen. Weiterschlafen. Weiterschlafen? Kann dieser elende Krach mal aufhören. Das geht jetzt schon seit Tagen so, und wird immer schlimmer. Ich habs satt. Wie auf See kurz vor dem Seekrankwerden – die ständige Wahrnehmung der Wellen bzw. des Windes schlägt um von schön und aufregend zu unangenehm und zermürbend.

Nach gefühlten 0 Stunden Schlaf schließlich aufstehen und versuchen, das Toben da draußen mit Musik zu übertönen. Vor dem Fenster werden feste weiße Kügelchen teils senkrecht durch die Luft geschleudert. Wenn man durch das Schneetreiben gerade das Meer sehen kann, ist es voller Gischt. Vor der Haustür liegt ein seltsames Plastikteil, das offenbar irgendwo abgebrochen ist. Hoffentlich nicht an diesem Haus. Der Gang zum Briefkasten, der an einem Baum Richtung Straße festgemacht ist, eine mittlere Expedition. Der Kasten hängt jetzt auf der anderen Seite des Baumes. Als ich zurückkomme, bin ich eine Schneefrau.

Die Nachrichten sprechen vom heftigsten Sturm dieses Winters. Straßen und Pässe mußten gesperrt werden. Sogar Flüge mußten aufgrund des Wetters gestrichen werden, was hier nur selten vorkommt. Ein Flugzeug, das aus Oslo zu einem kleineren Flughafen etwas südlich von hier unterwegs war, kehrte um. Die Hurtigruten-Schiffe halten nur noch an den wichtigsten Häfen. Das meteorologische Institut hat noch keinen genauen Überblick, und von manchen Stationen gab es wegen Stromausfällen keine Daten. Tausende Haushalte in der Region waren ohne Strom.

Puh. Was würde ich tun, wenn auch hier der Strom ausfallen würde? Da das durchaus möglich ist, sollte ich mich vielleicht darauf vorbereiten.
Ich habe ein paar Teelichte in Reichweite, und eine Kurbel-Laterne neben der Tür. In einem der Schuppen stehen ungefähr zwei Dutzend Petroleumlaternen, allerdings weiß ich nicht, ob da noch Petroleum drin ist. Zum Kochen gibt es einen Gaskocher, den ich vermutlich irgendwie bedienen könnte. So weit, so halbsoschlimm. Dann wird es allerdings ungemütlich: Meine schicke Verbrennungstoilette verbrennt elektrisch. In diesem Wetter und im Schnee(matsch) in die Büsche gehen? Oh je. Aber wie sagte es dieser Abenteurer bei seinem Diavortrag über eine Nordpol-Expedition so schön: „Ihr fragt euch vielleicht, wie man da aufs Klo geht… Naja, eigentlich ganz normal – nur ZEHN MAL SCHNELLER!!“ …
Nicht zu vergessen die Tatsache, daß ich hier elektrisch heize. Ich müßte erst mal wieder Brennholz unter dem Schnee ausgraben gehen, und dann wäre das naß. Das Kaminfeuer reicht auch nicht aus, um das Häuschen einigermaßen warmzuhalten. Es gibt noch einen kleinen Kerosin-Ofen, zu dem ich mich durch den Tiefschnee graben müßte… Vermutlich aber würde ich mich ganz feige zur Lieblingsfranzösin evakuieren. Irgendwann ist auch mal Schluß mit (abenteuer)lustig.

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5 Kommentare leave one →
  1. März 3, 2011 7:43 pm

    Na endlich… WordPress hatte Probleme und ich konnte diesen Eintrag nicht veroeffentlichen – deswegen heute so spaet.

  2. Verena permalink
    März 4, 2011 12:21 pm

    Okay, ich bin grade wirklich froh um mein Stundentenwohnheimszimmer! Wann war denn der Sturm? Ich erinnere mich an den Gedanken „Neee, da draußen ist es windig, ich geh nicht mehr zum Ica“ am Mittwoch?

  3. Olly permalink
    März 7, 2011 12:24 pm

    eine Verbrennungstoilette? Ich bin entzueckt, was es so alles gibt.
    Frohes pinkeln!

  4. sigurros permalink
    März 9, 2011 12:58 pm

    Ich bekomme hier in Stokmarknes dann wohl immer die light-version von deinen beschreibungen und denke „nur“ gleich zerspringen meine fenster bei dem wind.und nicht schlafen können bei wind kann ich auch absolut nachvollziehen. und dann sehe ich auch noch fahrradfahrer, die wege und anstiege mit dem rad meistern (ohne absteigen versteht sich) bei denen ich froh bin, wenn ich sie zu fuß ohne stürze meistere. ist es denn besser geworden? das wetter?

  5. März 9, 2011 3:45 pm

    @Sturm:
    Letzte Woche hatte er hier seinen Hoehepunkt in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag. Und hier draussen geht es immer etwas wilder zu als in der Innenstadt :D
    Besser geworden war es mal, letzte Nacht und bis heute Mittag gab es aber wieder „sterk kuling“ oder mehr…

    @Verbrennungstoilette: Jaha, original norwegisches High-Tech! Hat was. Riecht dann wenigstens nur verbrannt ;-)

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