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Die Arktis und der Rest der Welt

Februar 24, 2011

(Dieser Artikel war eigentlich für jetzt.de gedacht und wurde dann als für die Leserschaft nicht von Interesse empfunden. Ich hatte aber vielen Leuten versprochen, ihn zu schreiben – deswegen hier anstelle meines Wochenrückblicks: )
 

Letzte Weihnachten wurde ich durch meine Anwesenheit im elterlichen Wohnzimmer gezwungen, mir einen „Familienfilm“ anzusehen, in dem der Nordpol zu einem Vergnügungspark gemacht wurde. Damals, also vor rund acht Wochen, erschien mir diese Vorstellung absurd. Der Nordpol war schließlich extrem abgelegen in der eisigen Hocharktis, äußerst unwirtlich und für Normalsterbliche nicht zu erreichen. Die Arktis im Allgemeinen war Abenteurern, Wissenschaftlern und ein paar verrückten Bewohnern – so wie neuerdings auch mir – vorbehalten.

Ende Januar dann wurde ich von jemandem kontaktiert, der meine Polarnacht-Kolumne gelesen hatte und fragte, ob ich nicht Lust hätte, die „Arctic Frontiers“-Konferenz in meiner neuen Heimatstadt Tromsö zu besuchen. Dieser freundliche Konferenzteilnehmer entpuppte sich als Paul Nemitz von der Europäischen Kommission. Zwei Tage später saß ich inmitten von Wissenschaftlern, Wirtschaftsvertretern, Politikern, arktischen Ureinwohnern, Umweltschützern und Journalisten, die alle am Schicksal der Arktis interessiert waren. Die insgesamt um die 1000 Teilnehmer kamen aus über 20 Ländern, darunter Spanien, die Ukraine und Südkorea. Was ließ all diese Menschen den teils sehr langen Weg nach Tromsö auf sich nehmen?

Im Hauptsaal der Konferenz

„Tromsö etabliert sich als Davos des Nordens“, erklärte Nemitz. Während sich in Davos die Elite der Weltwirtschaft trifft, wird Tromsös Konferenz von einer jährlich wachsenden Anzahl derer besucht, die mit der Arktis zu tun haben – oder dort mehr Einfluß suchen. Die Gründe dieses Interesses werden im Laufe der Konferenz schnell klar. Die Arktis befindet sich mitten im Umbruch. Es geht nicht nur um schmelzende Eisberge, die innerhalb der nächsten Jahrzehnte den Meeresspiegel ansteigen lassen. Es geht nicht nur um größer werdende freie Meeresflächen, die zur rascheren Erderwärmung beitragen könnten.

Es geht zum einen darum, wie eng die Arktis mit dem Rest der Welt verknüpft ist, und wie sich die drastischen Veränderungen dort auf südlichere Regionen auswirken. Ein beeindruckendes Beispiel ist die Veränderung der Luftströmungen durch die Erwärmung der Arktis, die unter anderem in Europa zu kälterem Wetter führt. Die trotzig-rhetorische Frage „Wo ist denn nun die globale Erwärmung, wenn man sie braucht?“ läßt sich also vereinfacht beantworten mit „In der Arktis“. Die Arktis erwärmt sich schneller und wesentlich stärker als jede andere Region der Erde, und hat gleichzeitig mit die sensibelsten und am wenigsten erforschten Ökosysteme. Den Rest der Welt sollte das wenn nicht aus ethischen, dann wenigstens aus wirtschaftlichen Gründen interessieren – so gehen beispielsweise 39% der arktischen Fischexporte in die EU. Wie genau sich die derzeitigen klimatischen und ökologischen Veränderungen auf die Fischbestände auswirken werden, ist noch unklar.

Fischerei vor der Küste Islands - die Fische werden mit den Meeresströmungen ziehen

Ein noch größerer Grund für das wachsende Interesse so vieler Staaten und Konzerne an der Arktis sind jedoch die reichhaltigen Bodenschätze, die lange unter Eis und Permafrost verborgen lagen und deren Förderung im Zuge des Klimawandels und der steigenden Rohstoffpreise bald rentabel werden wird. Dementsprechend war auf der diesjährigen Konferenz viel von Öl und Erdgas die Rede, von Mineralien, und von (sehr viel Energie beanspruchenden) Aluminiumschmelzen.Während ausländische Politiker und Konzernsprecher diesem Aspekt der „neuen Arktis“ merklich gespannt bis enthusiastisch gegenüberstanden, zeigten sich Umweltschutzverbände wie der WWF und Vertreter der indigenen Völker sehr besorgt.

Eine Siedlung der Nenzen, eines indigenen Volkes in der russischen Arktis

Ein ähnliches Bild bot sich, wenn die Rede vom Rückgang des Packeises und der dadurch demnächst zur Verfügung stehenden neuen Transportwege war. Laut Carlos Duarte, einem aus Spanien angereisten Meeresökologie-Professor, werden die einst legendären, weil nur durch langwierige und riskante Expeditionen passierbaren, Seewege des Nordpolarmeers voraussichtlich innerhalb der nächsten 5 bis 10 Jahre im Sommer eisfrei sein. Wenn man bedenkt, dass gerade die nördliche Route von Europa nach China und in andere asiatische Länder um etwa die Hälfte kürzer als der Weg durch den Suez-Kanal und zudem piratenfrei ist, sieht das zunächst nach einer sehr lukrativen Perspektive aus. Auch Tourismus-Anbieter wittern hier große Chancen. Der Schiffsverkehr in arktischen Gewässern hat bereits um ein Vielfaches zugenommen. Allerdings lauern auf dem Weg trotz Rückgang des Eises noch immer Gefahren. Die Fahrwasser sind stellenweise unzureichend kartiert, es gibt nicht genügend Wetterstationen für zuverlässige Voraussagen, und die Schiffsbesatzungen sind häufig nicht für die Gegebenheiten in der Arktis ausgebildet. Schon mehrmals liefen deswegen Kreuzfahrtschiffe auf Grund – Schlimmeres konnte nur durch glückliche Umstände verhindert werden. Auch vor dem Hintergrund der jüngsten Ölpest im Golf von Mexiko erscheint die Idee, die bisher weitgehend von direkten Einflüssen verschont gebliebene Arktis durch Transportwege zu durchschneiden, nun deutlich weniger gut.

Neuer Verkehrsweg für Öltanker?

Zwar würden sich ökologische Katastrophen dann weit weg von den meisten Menschen abspielen, doch es gibt noch einen weiteren Grund für das internationale Interesse am Schicksal der Arktis. Dirk Notz vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie verlässt am Ende seines Vortrags die wissenschaftliche, die wirtschaftliche und auch die ökologische/ethische Seite und weist auf einen oft vernachlässigten Aspekt hin: den Verlust von beeindruckender Schönheit. Er selbst, zum Beispiel, möge die Arktis ganz einfach sehr gerne, und wolle sie deswegen erhalten wissen.

Sonnenaufgang über einem Dorf im Osten Grönlands

Ich verließ die Konferenz überwältigt von der Fülle an Eindrücken und Informationen. Der Nordpol als Vergnügungspark, wie im eingangs erwähnten Film? Dazu wird es nicht kommen – schon allein, weil es dort kein Festland gibt und das Packeis schwindet. Der Nordpol als Ziel von Kreuzfahrten, Last-minute-Pauschalreisen nach Spitzbergen? In absehbarer Zeit durchaus realistisch. Damit die Reiselustigen nicht durch den Anblick einer industrialisierten, ökologisch degradierten und ihres ursprünglichen Charakters beraubten Arktis enttäuscht oder gar persönlich in Gefahr gebracht werden, bedarf es allerdings einiger Anstrengungen. Die Kooperation von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und lokalen Kulturen sowie damit verbunden die Umsetzung von theoretischem Wissen in effektive Maßnahmen zur nachhaltigen Entwicklung der Arktis wird eine der größten Herausforderungen der nahen Zukunft sein.

 
 

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One Comment leave one →
  1. Karo permalink
    März 1, 2011 9:35 pm

    Schande!
    So ein guter informativer und die Leserschaft von jetzt.de sehr wohl interessierender Artikel!

    mein horizont fühlt sich erweitert.
    und ich fieses vieh kommentiere auch endlich mal was. bin internettechnisch mal wieder inkognito unterwegs.

    ist meine karte eigentlich ein opfer des verschneiten briefkastens geworden?

    liebste grüße aus dem süden (ha! das habe ich noch nie aus hamburg gesagt!)

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