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Winter vs. ich: 1:0

Februar 10, 2011

Erschöpft, aber einigermaßen zufrieden mit mir selbst – ich hatte es schließlich mit einem harten Gegner zu tun. Ein bißchen stinkt es mir ja schon, all das Gerede von Frühjahrsputz und Krokussen aus Deutschland mitzubekommen, während ich hier zum hundertsten Mal den Weg von der Haustür zum Klohäuschen, zum Briefkasten und zur Straße ausgraben muß. Schnee, Schnee, Schnee. Kälte. Eisiger Wind. Was genau mache ich hier noch gleich..? Ach ja. Wenn ich aus dem Fenster sehe, kann ich meinen Blick über Baumwipfel hinweg zum Nordmeer schweifen lassen, und dahinter leuchten die verschneiten Berge. Außerdem beginnt jetzt der zweite Winter hier oben, nämlich der helle. Inzwischen konnte ich mir zum ersten Mal seit November wieder die Sonne ins Gesicht scheinen lassen.

Am Fenster, kurz nach 2 Uhr nachmittags.

Die vergangene Woche war eine sehr traditionelle. Zum einen fand unten in Mittelnorwegen ein großes Hundeschlittenrennen statt, dieses Jahr zum ersten Mal mit Weltmeisterschaften. Mein Husky-Mann war natürlich samt Husky am Start, war aber bei Redaktionsschluß noch nicht vernehmungsfähig.
 

Zum anderen war hier Sami-Woche, in einem Rentier-Rennen am letzten Sonntag, dem samischen Nationalfeiertag, gipfelnd. Leider fiel mir das erst wieder ein, als ich am Sonntagmorgen noch gemütlich im Bett lag. Blinzeln zur Uhr: halb elf. Laptop an für den Busfahrplan, Blick auf die Temperatur: -9°C bei Windstärke 6, was eine „gefühlte Temperatur“ von -20 ergab. Was könnte es Schöneres geben, als bei diesem Wetter stundenlang auf der Straße herumzustehen? Bevor mir einfiel, daß Im-Bett-liegen zum Beispiel so etwas sein könnte, streifte ich mir einen Wollpulli über, noch ein paar Stulpen über die dicke Strumpfhose, extrafette Schutzcreme für meine mimosige Gesichtshaut, ach, lieber noch einen langen Rock über die Hose, dann den bodenlangen Mantel über alles, Wollmütze, Wollschal, ein paar Fingerhandschuhe und darüber wollene Fäustlinge, ab zum Bus.

Eine Frau in Sami-Tracht läuft unter der samischen Flagge an der Rennstrecke entlang.

Minus 20 Grad hatte ich letzten Winter in Helsinki, und es war gar nicht so schlimm. Dann lief ich allerdings immer nur im Eilschritt zur Tram oder nach Hause, Brille abgesetzt und Schal über die Nase, die Mütze tief ins Gesicht gezogen. Dieses Mal wollte ich etwas sehen, aber bis ich den Austragungsort in der extra abgesperrten Hauptstraße erreicht hatte, zog es mich sofort hierher:

Ein garantiert nicht originalgetreues Samizelt.

Leider blies der Wind ordentlich von allen Seiten rein, so daß von Gemütlichkeit auch hier keine Spur war. Draußen gab es Rentierfleisch und Waffeln zu kaufen, und ich mußte mich sehr zurückhalten, um keine Unsumme an Kronen in eine Rentierfellmütze und extradicke Sami-Handschuhe zu investieren. Ich quälte mich wieder raus zur Rennstrecke, wo die Rentiere zum Startpunkt gebracht wurden.

Die samische Nationalhymne wurde gespielt, und ich sah fassungslos zu, wie die Sami dafür tatsächlich ihre Mützen abnahmen. Ich versuchte die ganze Zeit verzweifelt, mir meine weiter über die Ohren zu ziehen, während der Wind sich anfühlte, als würde er mir das Gesicht zerschneiden, und meine Hände und Füße mir Lebewohl sagen wollten.

Das Rennen selbst sah dann ungefähr so aus:

Ich weiß nicht, wer gewonnen hat. Ich weiß nicht, was es danach noch im Rathaus zu sehen gab. Die sehr unheldenhafte Wahrheit ist, daß mich der eisige Wind so sehr malträtierte, daß ich nach etwa zwei Stunden Hin und Her zwischen Rennstrecke und Zelt zur Bushaltestelle floh. Ich wußte nicht, daß Kälte solche Schmerzen verursachen kann. Für den nächsten Ausflug bei diesem Wetter brauche ich unbedingt:
– eine Skimaske
– eine richtig warme Mütze mit Ohrenklappen
– warme Winterstiefel
– Sponsoren, um mir das leisten zu können.

 

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7 Kommentare leave one →
  1. Christine permalink
    Februar 12, 2011 7:47 pm

    Hervorragend geschrieben. Mir wäre das allerdings viel zu kalt. Aber ich sponsore dir die Mütze.

    • Februar 13, 2011 12:01 pm

      Oh, danke!! :-)

  2. Verena permalink
    Februar 13, 2011 1:49 pm

    ;-) Bei mir handelts sich um die schreckliche Erasmustussi von jetzt.

    Ich hab die Hälfte des Rennens im Narvesen verbracht… Aber endlich schöne Sonnentage :)

    • Februar 13, 2011 3:43 pm

      Ach so, die, die alles besser weiss ;-)
      Naja, jetzt muss ich ja nichts mehr Aufregend-Kategorisiertes schreiben, weils egal ist, wie viele Leute es lesen moegen… Aber trotzdem sehr schoen, hier ein paar Lebenszeichen zu sehen!

  3. Sartje permalink
    Februar 13, 2011 3:42 pm

    ich könnte marzipan-sponsor werden. also das läge grade noch so in meinem budget! ; )

    • Februar 13, 2011 3:44 pm

      Jaaaaa! :-))

  4. Steffi und Guido permalink
    Oktober 15, 2011 6:37 pm

    ui wir möchten auch mal gerne ein rentier in live sehen ;) aber vielleicht wird unser traum ja auch bald wahr.

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