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Ab und Auf

Februar 3, 2011

Es gibt Zeiten, in denen einfach alles schiefläuft. Nach meiner Jahresanfangseuphorie ging es so steil bergab, daß ich das Gefühl hatte, dieses Leben wolle mich so richtig fertigmachen. Der Husky-Mann, mit dem ich so idyllisch das neue Jahr begrüßt hatte, spielte Vogel Strauß und versteckte sich. Die Lieblingsfranzösin war erst wegen Männerbesuchs nicht ansprechbar und flog dann in die Karibik. Ich wartete immer noch auf die Nummer, die mich hier zu einer offiziellen Person machen würde, während mein Vorrat an Schilddrüsentabletten zur Neige ging. Ich bekam keine Übersetzungsaufträge mehr. Stattdessen entbrannte ein Streit mit dem Vermieter.
Die Post wurde nicht geliefert, weil der Baum, an dem der Briefkasten hing, von Bauarbeitern beschlagnahmt und eingezäunt worden war. Ich kämpfte mich durch den Tiefschnee, um den Kasten näher zum Haus zu bringen, und fand noch einen Stapel alter Rechnungen darin. Ich ging zur Post, um bescheidzusagen, daß eine Zustellung wieder möglich sei. Dort war man selbstverständlich nicht zuständig und gab mir eine Telefonnummer. Ich telefonierte mit Computerstimmen, mit einer Reihe von Nichtzuständigen und dann mit einer Dame, die mir nach langer Verwirrung sagte, es sei nicht möglich, den Standort meines Briefkastens zu ändern. Ich versuchte ihr gerade klarzumachen, daß das durchaus möglich war, als mein Akku den Geist aufgab. Zurück auf dem Postamt benutzte ich das Servicetelefon, wo die Verbindung so schlecht war, dass man mich am anderen Ende nicht verstand. Ich schmiss entnervt den Hörer auf die Gabel und machte mich auf den Heimweg, wo spontan beide Tragegriffe meiner Einkaufstüte rissen und ich mein Obst aus dem Schneematsch klauben mußte. Als sich nach dem Aussteigen der Bus in Bewegung setzte, fiel mir auf, daß ich meine Mütze und Handschuhe vergessen hatte. Etwas später, zu Hause, klingelte das Telefon, und ich hoffte inständig, es sei… Es war ein Bankmitarbeiter, der mir erklärte, man habe festgestellt, daß ich mich bei der Kontoeröffnung mit einem vorläufigen Paß ausgewiesen habe. Daß das verboten sei und daher mein Konto gesperrt werden mußte, bis ich einen neuen Paß vorweisen könne. Für einen neuen Paß würde ich, wie ich herausfand, runter nach Oslo reisen müssen, einen Termin bei der Botschaft bekommen (Montag bis Freitag von 8:20 bis 11:40 Uhr) und eine Bestätigung für den Eintrag in das Einwohnerregister vorlegen, auf die ich aber doch immer noch warte. Ich kämpfte gegen das langsam aufbrodelnde Gefühl an: Was zur Hölle mache ich hier eigentlich? Ich riß mich zusammen und nahm meine Brille vom Schrank, um diesem niederträchtigen Leben ins Auge zu blicken. Einer der Bügel blieb liegen.
 

Dunkel und unscharf. So fühlte sich mein Leben an.


 

Und dann kam die jetzt.de-Botschaft mit der Einladung zu dieser Konferenz, die mich brennend interessierte. Statt meinen Ladenboden zu wischen, hörte ich mir also plötzlich Vorträge über den Zustand und die Zukunft der Arktis an und diskutierte mit Wissenschaftlern, Politikern, Journalisten, Konzernsprechern und Umweltschützern. Zwischendurch saß ich mit der Lieblingsfranzösin, ihrem Männerbesuch und einem Glas Rotwein am Küchentisch oder in unserer Lieblingsbar. Der neue Standort meines Briefkastens wurde genehmigt (der Trick ist, so oft anzurufen, bis man an jemanden gerät, der einem weiterhilft). Ich wollte zum Bus, aber hatte kaum die Straße erreicht, als er schon vorbeifuhr – der Fahrer erkannte mich und hielt lächelnd an. Ich ließ meine Brille reparieren, bekam Mütze und Handschuhe zurück, und brachte die Behörde dazu, meinen Registrierungsantrag mit Eilvermerk noch einmal zu senden – und zwar alles auf Norwegisch. Ich zog den Husky-Strauß aus dem Sand, wir tranken Tee, diskutierten viel, und er sagte: „Yeah, when life throws shit at you then it always comes in buckets“. Später saß ich mit einem großen Salatteller an seinem Tisch, während er sich genüßlich seinem Rentierfleisch mit Fischbeilage* widmete, und er machte mir das wohl beste Kompliment, das ein Jäger und Angler einem Fast-Veganer machen kann: Es sei so nett, mit mir zusammen zu essen. In der Apotheke gab man mir meine Medikamente auf ein finnisches Rezept, das ich wiederentdeckt hatte. An der Bushaltestelle sah ich zwei Jungen, die mit Schneebällen nach einer Plastiktüte warfen, die sich im Dachbalken des Wartehäuschens verfangen hatte. Der ältere, vielleicht 13, erklärte mir ungefragt, daß das ganz schön schwer sei – und ob ich gut werfen könne. Ich lachte: „Ich glaube nicht“, und verfolgte das Schauspiel, bis die Tüte herunterschwebte und die Jungs jubelten. Der ältere sah mich stolz an, rief: „Willst du eine Umarmung!“ – und fiel mir um den Hals. Vielleicht ist die Jugend von heute doch noch nicht verloren. Und das Leben doch nicht so niederträchtig.
 

Die Sonne ist wieder da!

 

* Das war eine gemeine Überspitzung – in Wirklichkeit hatte er ein Omelette mit Lachs als Beilage. Er ißt auch Kartoffeln, und manchmal sogar Salat.
 

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6 Kommentare leave one →
  1. Verena permalink
    Februar 8, 2011 1:33 am

    Hei,

    Hab dann doch noch dein Blog gefunden :)

    Jedenfalls freu ich mich, dass es für dich grade wieder nach oben geht! Deine Schilderungen klingen sehr, sehr, sehr nach Tromsø – diese Mischung aus fehlender Serviceorientierung (immer die jüngeren Mitarbeiter nehmen!! Die Alten sind nur unfreundlich!!) und dann aber wiedergefundenem Schal und Mütze und doch noch einem unbürokratischen Weg… Und das mit dem Fleischkonsum ist mir auch aufgefallen. Grandiosa gibt es ja garnicht in vegetarisch, und beim TIFF war die Freiwilligenverpflegung prinzipiell Hühnchensandwich.

    Warst du eigentlich am Sonntag beim Rentierrennen? Ich bilde mir ein, dich gesehen zu haben, aber das kann auch ein gemeiner Streich meines Gehirns sein :) Hinter dem Ziel, bei den Leuten, die keine Lust hatten Eintritt zu zahlen?

    Liebe Grüße!

    PS: Meine Privattheorie ist ja, dass unser aller Leben und Laune davon abhängt, ob es bewölkt ist oder nicht…..

  2. Februar 8, 2011 3:24 pm

    Hei Verena,

    wer bist du denn..?
    Selbstverstaendlich war ich beim Rentierrennen, allerdings habe ich Eintritt bezahlt. Kann sein, dass du mich gesehen hast, als ich zoegerlich auf dem Heimweg war, weil ich die Kaelte nicht mehr aushielt…

    Ha, wenn meine Laune immer noch vom Wetter abhaengen wuerde, waere ich ja in Island verrueckt geworden – es heisst, dort kann man alle Jahreszeiten an einem Tag erleben, und das trifft es auch ziemlich gut… Aber Sonne ist natuerlich trotzdem super. Wow, ich war gerade in der Stadt, und die Sonne schien mir so richtig ins Gesicht! Ein beeindruckendes Naturschauspiel, das ich seit letzten Spaetherbst nicht mehr erleben durfte ;)

    Gruesse zurueck!

  3. Olly permalink
    Februar 9, 2011 1:08 pm

    Ulrike,

    jedes mal erfrischend, von Dir zu lesen, und diesmal auch aufmunternd.
    Ich habe das Zitat Deines Husky-Freundes geklaut.
    Bin gerade noch in der dunkel/verschwommen Phase und warte auf die Sonne – und das selbst im Dauersonnenscheinland Australien. Denn auch hier wird’s mal dunkel.

    Olly

  4. Februar 9, 2011 10:05 pm

    Hallo Olly,

    was auch immer du in Australien machst und wer deine Sonne geklaut hat – viel Glueck nach da unten!

    Ulrike

  5. Sartje permalink
    Februar 13, 2011 2:20 pm

    ich hätte dich auch umarmt! auch ohne schneeballtüte!

    • Februar 13, 2011 2:30 pm

      :-)

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