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Das Zentrum von Irgendwas

Januar 20, 2011

Aus meiner Polarnacht-Kolumne für jetzt.de: hier.

Woche 9
Temperatur: -12°C bis +1° C
Schneehöhe: ca. 50 cm
Stimmung: leicht verstimmt
Rekordzeit fürs Schneeschippen von der Haustür bis zur Straße: 17 Minuten
 

Gegen 11 Uhr morgens auf meiner Lieblingsbusstrecke

Langsam reicht es mir ehrlich gesagt mit dem Winter. Dummerweise ist erst ab April mit Tauwetter im großen Stil zu rechnen, aber immerhin wird sich in etwas mehr als einer Woche wieder die Sonne blicken lassen. Bis dahin vertreibe ich mir gerade die Zeit mit der Jagd nach Tromsös dämlichsten Superlativen und der Frage, was dahintersteckt.

 

Auf dem Campus

Der Superlativ: die nördlichste Universität der Welt
Zur Universitetet i Tromsø werden neben dem Breitengradrekord gerne die Zahlen bemüht: über 8000 Studenten bei ca. 67000 Einwohnern im Stadtgebiet. Wenn man bedenkt, dass es die einzige Uni weit und breit ist, wird dieses Verhältnis etwas weniger beeindruckend.
Praxistest: Ich habe schon einige Leute getroffen, die wegen der guten Studienbedingungen aus dem Ausland hierhergekommen sind und bleiben wollen. Scheint so, als habe die Uni ihren Superlativ tatsächlich nicht nötig.
 

Im Winter ist das Gartengelände nur für einen Schneespaziergang gut.

Der Superlativ: der nördlichste botanische Garten
Das war eine ziemliche Überraschung für mich, war ich doch schon einmal im „nördlichsten botanischen Garten der Welt“ – allerdings in Akureyri, im Norden Islands. Trotzdem glaube ich gerne, dass es sich dieses mal wirklich um den nördlichsten handelt.
Praxistest: Ein sehr schöner und lehrreicher Ort, und (im Sommerhalbjahr) auch bei den Einheimischen beliebt. Zum Entspannen taugt er allerdings nicht, denn direkt unterhalb verläuft leider eine Hauptverkehrsstraße.
 

Der an die Brauerei angeschlossene nördlichste Bierkeller der Welt

Der Superlativ: die nördlichste Brauerei
Eigentlich egal, wie dieses Bier schmeckt, denn es würde als nördlichstes der Welt sowieso immer Abnehmer finden.
Praxistest: Mir wurde von Einheimischen leidenschaftlich versichert, dass „ihr“ Bier ganz hervorragend sei. Ich überlegte noch, nach einer glutenfreien Variante zu fragen, als mein Budget (etwa 10 Euro) einem Impulsivkauf von einem halben Kilo Obstsalat aus dem Salatbuffet des gegenüberliegenden Supermarktes zum Opfer fiel.
 

Der Superlativ: der nördlichste Kirschbaum
Bei einer Internetrecherche stieß ich unter anderem auf die nördlichste Linde der Welt (in Mittelnorwegen) und die nördlichste Lärche (in Nordsibirien, als nördlichster Baum überhaupt), aber Kirschbäume sind in den Rekordlisten nicht zu finden. Ich habe keine Ahnung, ob dieses Gerücht stimmt, lasse es aber mal der Kuriosität wegen stehen.
Praxistest: Ein Erasmus-Student hat mir versichert, ihn gesehen zu haben, den nördlichsten Kirschbaum der Welt. Letzten Sommer seien sogar ein paar Kirschen daran gehangen.
 

Paris des Nordens?

Ein junger Mann auf einem hölzernen Tret-Schlitten. Fast wie in Paris.

Der Superlativ: das „Paris des Nordens“
Ist ja egal, dass dieser Titel aus dem 19. Jahrhundert stammt, und dass Tromsö ihn mit Kopenhagen, Riga und manchmal auch Berlin und einigen Goldgräberstädten in Kanada und Alaska teilen muss. Die Reiseliteratur braucht solche Vergleiche.
Praxistest: Es mag überraschend sein, so weit jenseits des Polarkreises überhaupt noch eine Stadt anzutreffen. Aber eine Weltmetropole, die modisch und kulturell eine sehr bedeutende Rolle spielt..? Die Lieblingsfranzösin schüttelt empört den Kopf.
 

Außerdem befinden sich hier unter anderem: das nördlichste Symphonieorchester, katholische Bistum, Meerwasseraquarium, Planetarium, die nördlichste Moschee, Glasbläserei und Top-Fußballmannschaft, der nördlichste 18-Loch-Golfplatz und Burger King. Der nördlichste IKEA ist in Planung. Und schuld an allem ist der Golfstrom, der uns hier – in der gleichen Breitenregion wie Nordalaska und Sibirien – ein relativ kuscheliges Klima verschafft. Dadurch ist Tromsö in der Position, von ungefähr allem, was höhere Zivilisation betrifft, das nördlichste zu besitzen. Wahrscheinlich haben wir hier auch die nördlichste 4-stufige Großkläranlage der Welt. Wir sind nämlich was! Aber was, abgesehen vom nördlichsten, das weiß man auch nicht so genau. Fast schon legendär ist unter meinen Uni-Freunden die Vorlesung, in der ein einheimischer Professor einen Nobelpreisträger begrüßte und als Begründung für die Einladung anführte: „Tromsø is the center of… something“.

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